Ja, wo isser denn? Ohne Schlüssel aufs Dach Europas

Könnt ihr euch das vorstellen? Man steht am Fuß des höchsten Bergs der Alpen, die Sonne knallt auf frisch poliertes Blech, und dann fehlt plötzlich das Wichtigste für die Fahrt zurück ins Hotel: der Autoschlüssel. Genau das ist meinem Freund Axel passiert — mitten in Chamonix, keine hundert Meter vor der Gondel zur Aiguille du Midi.

Wir hatten mit unseren Oldtimern eine wunderbare Runde um das Dach Europas gedreht, Motoren schnurrten, die Laune war blendend. Jetzt wollten wir dem Mont Blanc auch von oben einen Besuch abstatten. Doch schon auf dem Weg zur Seilbahn tastete Axel seine Hosen- und Jackentaschen ab — einmal, zweimal, dreimal. Kein Schlüssel.

Gelassenheit hat eine überschaubare Halbwertszeit

„Habe ich wahrscheinlich im Porsche steckenlassen, wird schon nix passieren“, winkte Axel ab und stieg mit uns in die Gondel. Schulterzucken, in Chamonix wird ja wohl niemand ein Porsche-Cabrio brauchen. Die zur Schau gestellte Ruhe hielt ungefähr so lange wie die Fahrt nach oben.

Oben, auf über 3600 Metern, erwarteten uns leichte Minusgrade und eine eisige Brise, gegen die selbst ein dickes Steppjacken-Ensemble nur bedingt hilft. Kein Wunder: Die Aiguille du Midi gilt seit ihrer Eröffnung 1955 als eine der spektakulärsten Bergbahnen der Alpen. Ganze 2808 Höhenmeter überwindet sie zwischen der Talstation in Chamonix (1034 m) und dem Gipfel auf 3842 Metern — allein die letzte Sektion schafft 1470 Meter am Stück, ohne eine einzige Stütze dazwischen.

Kälte hin oder her — für Axel, seines Zeichens Vollblutkarnevalist, gab es oben noch eine Mission zu erfüllen. Sein Verein stellt im kommenden Jahr den Karnevalsprinzen in Eschweiler, und welchen besseren Ort für das allererste Foto mit dem druckfrischen Prinzenschal gibt es schon als das Dach Europas? Das dürfte das höchstgelegene Prinzenschal-Foto der Vereinsgeschichte sein — geschossen auf 3842 Metern, mit klammen Fingern, aber stolzgeschwellter Brust. Danach reichte es dann auch: Kurz nach der Ankunft nahm Axel die nächste Gondel wieder hinunter ins Tal. Mehr als verständlich.

Axel (links) mit dem neuen Prinzenschal auf der Bergstation der Aiguille du Midi, 3842 m.
Das wohl höchstgelegene Prinzenschal-Foto der Vereinsgeschichte.

Blau, verschlossen, ratlos

Unten dann die erste Überraschung — halb gut, halb schlecht. Gut: Sein blaues Porsche-911-Cabrio stand unversehrt auf dem Parkplatz Centre Ville, glänzte in der Nachmittagssonne, als wäre nichts gewesen. Schlecht: Der Wagen war zugesperrt, und im Zündschloss steckte gähnende Leere. Was jetzt?

Schon bei über 1.000 Höhenmeter an der Talstation in Chamonix macht der Prinzenschal der KG Rote Funken Artillerie Eschweiler eine gue Figur – wie Axel (vorne links) natürlich auch.

Schwarmintelligenz statt Pannendienst

Nach und nach versammelten wir uns alle um den sichtlich eingeschnappten Zuffenhausener — Oldtimer-Freunde nennen einen Porsche liebevoll nach seiner Heimat im Stuttgarter Stadtteil Zuffenhausen. Erste Idee: das Stoffverdeck irgendwie von außen öffnen, ohne es dabei kaputt zu machen. Unser Kumpel Andreas telefonierte kurzerhand mit seiner Werkstatt daheim. „Keine Chance. Ruft den ADAC an“, lautete der wenig hilfreiche Rat aus der Heimat. Manche Ratschläge sollte man einfach dort lassen, wo sie herkommen.

Aber Schwarmintelligenz lässt sich durch nichts ersetzen. Uwe umrundete das Verdeck einmal, zweimal — und entdeckte einen Reißverschluss, der eigentlich nur von innen zu öffnen ist. Da kennt ihr Uwe schlecht. Mit den Fingerfertigkeiten eines Trickdiebs im besten Ocean’s-Eleven-Stil hatte er das Verdeck kurz darauf offen, ohne dass auch nur ein Faden Schaden nahm.

Die gertenschlanke Christel — mittlerweile längst im Rentenalter, aber beweglich wie eh und je — kletterte elegant von hinten ins Auto und öffnete von innen die Fahrertür, mit einer Grazie, für die sich mancher Zirkusartist warm anziehen könnte. Axel, Andreas, Uwe, Christel: Schrauben, Schwarmwissen und Schulterschluss, wie sie unter Oldtimer-Freunden einfach dazugehören.

Die Sache mit dem Kofferraum

Jetzt wurde es noch einmal spannend. Axel öffnete den Kofferraum — dort hatte er sich vor der Bergtour seine dicke Steppjacke geholt, vielleicht war der Schlüssel dabei irgendwo hineingerutscht. Ihr ahnt es schon: Fehlanzeige. Wir wendeten den Teppichboden gefühlt siebenundzwanzig Mal von rechts nach links, tasteten jede Ecke ab. Nichts.

Plan B: der Tresorschlüssel

Ersatzschlüssel? Ja, den gab es — zu Hause, brav verstaut im Tresor. Also: daheim bei Gattin Inge anrufen und den Schlüssel per Express ins Hotel Croix St. Maurice nach Le Grand Bornand schicken lassen. Gesagt, getan. Ein solider Plan, nur eben einer mit Lieferzeit statt Sofortlösung — und gleich ein Satz, den wir uns für die nächste Tour hinter die Ohren geschrieben haben: Der Ersatzschlüssel gehört eigentlich ins Gepäck, nicht in den heimischen Tresor.

Sarahs Geistesblitz

Doch dann hatte meine Tochter Sarah eine Idee: Vielleicht lohnte sich eine Nachfrage an der Information der Talstation, ob dort zufällig ein Schlüssel abgegeben worden war. Unwahrscheinlich, aber wir ließen nichts unversucht.

Sarah lief zurück zur Seilbahn — und rief mich kurz darauf an, hörbar amüsiert: „Axel muss selbst kommen. Der Mensch an der Information will wissen, ob das mein Porsche ist und wie ich das beweisen kann.“ Beweisen konnte Sarah das natürlich nicht. Es war schließlich nicht ihr Auto.

Spätestens nach seinem Schlüsselerlebnis hat Axel meine Tochter ins Herz geschlossen.

Ein echtes Schlüsselerlebnis

Axel machte sich auf den Weg und kam eine Viertelstunde später freudestrahlend zurück — mit dem verlorenen und wiedergefundenen Porsche-Schlüssel in der Hand. Offenbar war er ihm schon an der Talstation aus der Tasche gerutscht, lange bevor irgendjemand von uns überhaupt an den Kofferraum gedacht hatte. Klar, dass die Getränke an diesem Abend auf seine Rechnung gingen — und dass Andreas‘ ADAC-Tipp fortan zum Running Gag der Truppe wurde.

Am Ende war es ein echtes Schlüsselerlebnis, im doppelten Sinne des Wortes. Eines, das uns wieder gezeigt hat: Mit ein bisschen Zusammenhalt, ein paar cleveren Ideen und der richtigen Portion Gelassenheit lässt sich fast jede Panne in eine gute Geschichte verwandeln — und manchmal sogar in eine Runde Getränke.

Ach ja, einen praktischen Tipp habe ich noch: Ich empfehle meinen Freunden inzwischen bei jeder Oldtimer-Tour — und sei sie noch so kurz — den Ersatzschlüssel griffbereit im Gepäck dabeizuhaben, notfalls sogar in zweifacher Ausführung. Ein kleiner Schlüsselfinder am Bund schadet ebenfalls nicht. Aber ganz ehrlich: Wer liest denn heute noch Packlisten?

💡 Mein ungelesener Rat Nehmt den Ersatzschlüssel immer mit ins Gepäck — auch bei der kürzesten Tagestour im Oldtimer. Ein kleiner Schlüsselfinder am Bund schadet ebenfalls nicht.

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