Eine coole Geschichte für heiße Tage
Der Sommer kommt. Bald soll das Quecksilber im Thermometer auf rund 35 Grad Celsius schnellen. Für Mensch und historische Maschine kein Vergnügen. Wenn das nicht genau der passende Zeitpunkt für eine wirklich coole Geschichte ist. Flashback: Anfang April 2017. Alles beginnt, wie immer, völlig entspannt und undramatisch. Aber wartet mal ab. Ihr werdet euch wundern!
Ach ja, wo sind wir denn überhaupt? In Italien, an der Blumenriviera, genau in Diano Marina, und sind mit einer flotten Gruppe Klassiker und Sportwagen auf den Spuren der Rallyes Sanremo und Monte Carlo unterwegs. In historischen Rallyebüchern hab ich die „berüchtigsten“ Wertungsprüfungen herausgesucht, die wir jetzt schwungvoll genießen — wir fahren nicht auf Bestzeit, obwohl das Fahrmaterial dazu durchaus in der Lage wäre.
Heute brechen wir zur „Mutter“ aller Rallye-Sonderprüfungen auf: zum Col de Turini, der sich bei der Rallye Monte Carlo jedes Jahr in der Dunkelheit der Seealpen zur „Nacht der langen Messer“ verwandelt.
Die Nacht der langen Messer
Die entscheidende Schlussetappe der Rallye Monte Carlo führt seit Jahrzehnten über den Col de Turini, meist zwischen La Bollène-Vésubie und Sospel oder Moulinet. Früher wurde sie nachts gefahren: Auf schmalen, verschneiten Serpentinen kämpften die Fahrer um Sekundenbruchteile, während Tausende Zuschauer die Strecke säumten.

Die Bezeichnung „Nacht der langen Messer“ hat eine anschauliche Erklärung: Die starken Fernscheinwerfer der Rallyeautos schnitten in der Dunkelheit wie lange Messer durch die Nacht. Für viele Rallye-Fans ist diese Prüfung der mythische Höhepunkt der Monte — und der Turini ihr Schauplatz. Deshalb sind wir hier!
An der ligurischen Küste strahlt die Sonne, blauer Himmel, keine Wolke, gut 20 Grad Wärme. Besser geht’s eigentlich nicht. Also ab über die A 10 nach Ventimiglia und von hier aus das Roya-Tal hinauf nach Frankreich. Der erste Pass aus den Geschichtsbüchern der Monte wartet. Von Breil-sur-Roya führt der Col de Brouis nach Sospel. Kurven über Kurven, gut ausgebaut, prima Asphalt — und dann runter nach Sospel. Die Sonne scheint immer noch, die Temperatur liegt immer noch bei gut 20 Grad. Da schmeckt der Espresso unter freiem Himmel vor dem Anstieg zum Ziel unserer Träume noch einmal so gut.

Der Vorzimmerdrachen von Moulinet
Am Ortsausgang von Sospel biegen wir auf die D 2566 Richtung Col de Turini ab. Noch gut 25 Kilometer asphaltierte Rallye-Historie liegen vor uns. Die Straße beginnt sofort zu steigen. Haarnadelkurven wechseln mit kurzen Geraden, der Wald schließt sich über der Fahrbahn, und der Asphalt verengt sich.
Moulinet ist das letzte Dorf vor der Passhöhe. Fast ausgestorben, doch gastfreundlich — wie wir gleich erleben sollten. Ein Fahrerkollege brauchte dringend eine „Hygiene-Pause“. Ich weiß, es gibt dort eine kleine Bar direkt an der Hauptstraße. Mist, geschlossen. Wir steuern den kleinen Parkplatz vor dem Rathaus an. Da sollte es doch wohl ein „Örtchen“ geben. Ich stürme in die „Mairie“, erklimme zwei Etagen, öffne frech und ohne anzuklopfen die Tür zum Büro. Die stattliche Dame im Vorzimmer schaut überrascht — doch bevor sie mit mir temperamentvoll Schlitten fährt, frage ich mit Hundeblick: „La Toilette?“ So zähmt man sich zum Angriff bereitmachende Vorzimmerdrachen in Moulinet. Sie zeigt freundlich lächelnd auf eine Tür rechts hinter dem Eingang zu ihrem Herrschaftsbereich. Puh, das hätte auch anders ausgehen können.
Buchstäblich erleichtert nehmen wir die Fahrt, noch bei Kaiserwetter, wieder auf. Das ist die Strecke. Tausende Zuschauer säumten hier bei der Monte die Bergflanken in der Nacht, Scheinwerfer schnitten durch das Dunkel und das Schneetreiben — und auf der Passhöhe fiel die Entscheidung über Sieg oder Niederlage. Fragt mal den Walter Röhrl, der hat hier wahrscheinlich mehr zu erzählen als alle anderen.
Der Integrale und der Turbo-Porsche
Einige Jahre zuvor habe ich mir hier ein halsbrecherisches Rennen mit einem Freund geliefert. Er im Porsche 911 Turbo mit Allradantrieb, ich in einem 1990er Lancia Delta Integrale — nicht mal die Hälfte der Porsche-PS unter der Haube, aber mit perfektem Allradantrieb, Getriebe im Rallyetrimm und einige Kilogramm weniger auf der Karosse. Es ging schon ziemlich zügig den Turini hinauf. Doch die Straße bietet so wenig Möglichkeiten zum Überholen, und mein Integrale wieselte deutlich agiler um die Ecken und beschleunigte auch noch schneller heraus. Beim Anbremsen kam der Turbo-Porsche immer wieder gut ran, aber nach den Ecken hatte ich wieder genügend Vorsprung, um schließlich als Erster am Turini anzukommen: Bei 120 Grad Wasser- und 145 Grad Öltemperatur fühlte der Integrale sich pudelwohl.

Frau Holle grüßt aus den Seealpen
Doch zurück zu unserem neuerlichen, deutlich gemütlicheren Aufstieg zum Rallye-Olymp. Plötzlich klingelt das Handy. „Udo, pass auf — rund 200 Höhenmeter vor dem Turini setzt Eisregen ein“, warnt mich Andreas, der ohne Hygiene-Pause vor mir unterwegs ist. Ja, der Himmel hat sich auf einmal komplett zugezogen. Dunkle Wolken versprechen nichts Gutes. He, das sah in Moulinet doch noch ganz anders aus!
Kaum ist das Telefonat beendet, kriegen die Scheibenwischer Arbeit. Es wird kalt und kälter, aus Regen wird Schneeregen und aus Schneeregen wird Schneefall. Das darf doch nicht wahr sein! Wir sind alle auf Sommerreifen unterwegs, und mein Mini Cooper schwänzelt in den engen Kehren auf einmal deutlich mit dem Heck.



Jetzt bitte ganz vorsichtig — denn wenn hier einer einschlägt, kann ich kaum abschätzen, wann oder ob hier überhaupt in dieser Witterung ein Abschlepper hochfährt. Die letzten Kilometer zum Col de Turini sind alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Mit der nötigen Vorsicht und angepasstem Tempo erreichen wir alle unser Ziel — auch wenn das im Traum ganz anders ausgesehen hatte: nämlich grün und nicht weiß.
Im Hotel Trois Vallées speisen wir zu Mittag. Doch das Interesse gilt eher dem Wetter draußen als den Leckereien auf dem Tisch des Hauses. Draußen kommt dann Dynamik ins winterliche Schneetreiben. Der Straßendienst rückt aus. Wir werden aus dem Auto argwöhnisch beäugt. Wollen die Deutschen wirklich jetzt bei diesem Wetter losfahren? Hat das Hotel zur Not genügend Zimmer, sollten uns die Beamten an der Weiterfahrt hindern, frage ich mich. Doch der Diensthabende fährt langsam weiter Richtung Sospel. Kaum ist er unserem Blickfeld entschwunden, kommt der Schneepflug, der seinem Kollegen folgt.



Wir aber wollen über die D 2566 Richtung Peira-Cava. Dort wird die Straße nicht geräumt. Okay, dann spielen mein Cooper und ich den Schneepflug. Und das geht besser als erwartet. Durch den Schneematsch schleichen wir vorsichtig den Berg hinab. Und, ihr glaubt es nicht, kaum 300 Höhenmeter tiefer ist der weiße Spuk verschwunden, der Asphalt noch nass. Doch die Sonne scheint wieder, der Himmel wird mehr und mehr blau, und das Frühjahr kommt zurück, so als wäre es nie weg gewesen. Tja, wieder in Sospel angekommen, haben wir einen doppelten Espresso in der Sonne unter blauem Himmel getrunken — und Frau Holle ein wenig ausgelacht.
Udo rät: Was ihr für den Turini wissen solltet
🗓 Beste Reisezeit: Mai bis Oktober — im April kann es auf 1607 m Höhe schnell winterlich werden, wie wir am eigenen Leib erfahren haben.
🚗 Reifen: Im Frühjahr unbedingt Allwetter- oder Winterreifen einplanen. Sommerreifen auf verschneiten Serpentinen machen keinen Spaß — das verspreche ich euch.
🍽 Hotel Trois Vallées auf der Passhöhe: Gute Küche, zuverlässige Auskunft über Straßenverhältnisse — und zur Not auch ein Zimmer, wenn der Wettergott andere Pläne hat.
📍 Route: Von Sospel über die D 2566 auf den Turini (25 km), Abstieg Richtung Peira-Cava — ein klassischer Rundkurs, der sowohl Monte-Geschichte als auch Fahrspaß bietet.
💡 Tipp: Die Mairie in Moulinet hat in der Not auch eine Toilette. Ein Hundeblick und etwas Französisch reichen völlig aus.





