Drei Zinnen, kein Parkplatz und eine ehrliche Bestandsaufnahme

Misurina, ein Werktag im Juni

Vergangene Woche war ich an den Drei Zinnen. Mit Bedacht gewählt: kein Wochenende, keine Ferien, bestenfalls Vorsaison. So fahre ich seit Jahren mit dem Oldtimer durch die Dolomiten – Sellarunde, Grödner Joch, Stilfser Joch, Pordoijoch: an einem Samstag oder Sonntag findest du dort schon lange kein Fahrvergnügen mehr, hier brauchst du dann mehr Geduld als in der Rush Hour am Kamener Kreuz. Man fährt nicht, man kriecht. Selbst vor der schönsten Kulisse der Alpen. Ihr kennt das sicher, wenn ihr selbst schon mal an einem Augustwochenende über das Stilfser Joch wolltet.

Also fuhr ich werktags. Und stand trotzdem. Weder am Misurinasee noch am Lago d’Antorno, von dem aus man wohl den schönsten Blick auf die drei markanten Felstürme hat, fand sich einen freier Parkplatz für meinen Opel Monza. Mitten in der Woche, ohne Ferien, höchstens Vorsaison.

Noch ahne ich nichts von der „unendlichen“ Parkplatzsuche am Misurinasee.

Vor mir kreisten Karsten und Lisa in ihrem offenen Sportwagen schon die dritte Runde durch den überfüllten Parkraum am Misurinasee. Lisa hielt irgendwann nur noch das Handy aus dem fahrenden Auto und knipste die Drei Zinnen im Vorbeifahren – eine bessere Gelegenheit sollte sich nicht mehr bieten. Dann drehten die beiden entgeistert ab. „Einmal und nie wieder“, resümierte Karsten beim Vorbeifahren desillusioniert. „Ich fahr zurück ins Lesachtal, dort gefällt es uns viel besser als hier, wo man den Eindruck hat, am Ballermann zu sein.“

Ich musste lachen, auch wenn mir nicht ganz danach war. Ich saß selbst im Auto, der Motor lief im Leerlauf, und mir wurde etwas klar, das ich mir bislang nicht eingestehen wollte: Meine alte Faustregel funktioniert nicht mehr.

Die Nachricht aus Bozen

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass mich eine Meldung aus der vergangenen Woche nicht überrascht hat. Die Südtiroler Landesregierung hat beschlossen, organisierte Motorsportveranstaltungen in geschützten Gebieten und oberhalb von 1.600 Metern künftig zu untersagen – unabhängig davon, ob Auto, Motorrad oder Traktor, unabhängig vom Antrieb. Wer dagegen verstößt, riskiert eine Verwaltungsstrafe. Der private, individuelle Verkehr bleibt davon unberührt, aber für Events mit Wettbewerbs- oder Unterhaltungscharakter ist auf den großen Dolomitenpässen künftig Schluss.

In Zukunft keine organisierten Oldtimerreisen mehr in den Dolomiten? Sieht aktuell ganz dananch aus.

Landeshauptmann Arno Kompatscher sagt selbst, dass diese eine Maßnahme das Grundproblem nicht löse – das hohe Verkehrsaufkommen und die Raserei auf den Passstraßen bräuchten weitere, gezielte Schritte. Aber ein Zeichen sei gesetzt.

Die andere Seite hören

Ich gebe zu: Als ehemaliger Tour-Organisator könnte ich mich jetzt beschweren. 15 Jahre, rund 150 Touren, viele davon genau über diese Pässe – da hängt man emotional dran. Aber wenn ich ehrlich bin, hat mir mein eigener Stillstand am Misurinasee die Augen geöffnet für eine Zahl, die ich vorher nur gelesen, nie wirklich gespürt hatte: Bis zu 11.000 Fahrzeuge passieren das Grödner Joch – pro Tag.

Georg Simeoni, Präsident des Alpenvereins Südtirol, kämpft seit 20 Jahren für eine Beruhigung der Passstraßen. Michil Costa, Hotelier aus Corvara, nennt sich und seine Mitstreiter selbstironisch „Don Quijotes“, die seit Jahren für eine zeitweise Sperrung aller Dolomitenpässe eintreten. Und ein Bauer an der Seceda, dessen Almwiese täglich von bis zu 4.000 Selfie-Touristen zertrampelt wurde, hat im vergangenen Sommer kurzerhand ein Drehkreuz aufgestellt und fünf Euro Eintritt verlangt. Die Gemeinde Villnöß hat Schranken errichtet, um den Andrang an der Kirche Sankt Magdalena zu regulieren. Das ist keine Bürokratie von oben – das sind Menschen, die mit dem Rücken zur Wand stehen.

Schon am frühen Morgen sind die Parkplätze auf der Sellarunde gut belegt.

Was am Grödner Joch ab September passiert

Besonders deutlich wird die neue Richtung in der südtiroler Verkehrspolitik am Grödner Joch. Ab dem 1. September soll dort eine Testphase beginnen: Die Strada Statale 243 zwischen Wolkenstein und Corvara wird für den motorisierten Individualverkehr gesperrt, zunächst bis Ende Oktober oder November. Ausnahmen gibt es für Anwohner, Hotelgäste, Handwerker und Lieferanten. 150 Parkplätze müssen vorab online reserviert werden, Busse sollen die Besucher im 20-Minuten-Takt auf den Pass bringen. Ab 2027 könnte daraus eine dauerhafte saisonale Sperre von Mitte Mai bis Mitte Oktober werden.

Mir fiel dabei eine Episode aus dem vergangenen Sommer ein, die ich nicht erfunden habe: Zwei Busse blieben auf der engen Passstraße stecken, keiner der Fahrer wollte zurücksetzen – am Ende gingen sie sich beinahe an die Gurgel. Mitten in einer der schönsten Landschaften Europas. Wenn ich ehrlich bin, sagt diese kleine, fast komische Szene mehr über den Zustand der Dolomitenpässe als jede Statistik.

Demnächst nur noch mit dem Bus zum Mittagessen ins stylische Chalet am Grödner Joch?

Wohin der Verkehr als Nächstes fließt

Was mich an der ganzen Maßnahme skeptisch macht, ist nicht die Idee selbst, sondern das, was danach passiert. Südtirol hat weit mehr spektakuläre Bergstraßen zu bieten als die Handvoll bekannter Hotspots. Wenn Grödner Joch, Sellarunde und Stilfser Joch enger werden, ist der nächste freie Pass nicht weit – noch ist er frei, auch am Wochenende. Aber genau solche Strecken kursieren in der Szene schnell als Geheimtipps, und Geheimtipps haben die unangenehme Eigenschaft, keine zu bleiben. Was heute ein stiller Pass ist, kann in zwei, drei Saisons der neue Hotspot sein – nur ohne die Infrastruktur, die man sich am Grödner Joch wenigstens überlegt hat. Wo wir gerade von Geheimtipps sprechen: Wenn ihr selbst einen kennt, überlegt vielleicht zweimal, bevor ihr ihn in der nächsten WhatsApp-Gruppe teilt.

Psst: Geheimtipp (noch) unbekanntes Val di Cembra und Passo Redebus, aber nicht weiter sagen!

Dabei verlieren plötzlich auch Grenzen ihre Wirkung, die bislang fast von selbst für eine „natürliche“ Verteilung gesorgt haben. Die Sprachgrenze zum Beispiel: Wer aus Deutschland oder Österreich anreist, bleibt traditionell gern im deutschsprachigen Südtirol – das Friaul oder das südliche Trentino wirken dadurch fast wie ein eigener, weniger befahrener Kosmos. Wird der Druck groß genug, fällt diese unsichtbare Hürde. Dann löst sich das Problem nicht, es wandert nur weiter.

Eine Pagode namens „Blacky“ auf der Grödner Straße.

Auch der Weg dorthin wird ein anderer

Und selbst wer die Hotspots meidet und sich klug durch die Geheimtipps der nächsten Jahre navigiert, merkt: Schon die Anreise in die Alpen wird zur eigenen kleinen Geschichte. Die Zufahrt von Österreich zum Reschenpass ist derzeit Baustelle, an der Brennerautobahn wird an den Brücken saniert, am Nassfeld und am Plöckenpass laufen Sanierungsarbeiten, und das Hahntennjoch wurde kurzfristig gesperrt. Dazu kommt die Lärmbegrenzung für Motorräder in Tirol, die für manche Tour schon jetzt über die Streckenwahl entscheidet.

Keine dieser Maßnahmen ist für sich genommen dramatisch. Zusammengenommen zeichnen sie aber ein Bild: Der Weg in und über die Alpen wird in den kommenden Jahren nicht mehr der sein, den wir Touristen uns gerne wünschen würden – planbar, frei, jederzeit verfügbar. Wer durch die Berge reisen will, wird umdenken müssen. Nicht nur, wohin er fährt, sondern auch, wie und wann.

Was das alles für mich bedeutet

Ich werde die Pässe weiter lieben. Das Würz Joch, den Umbrail, die Sellarunde – sie haben einen festen Platz in meinem Herzen und in fast jeder Tour, die ich je geplant habe. Aber ich habe an diesem Werktag am Misurinasee verstanden, dass die Freiheit, die ich dort immer gesucht habe, von genau den Mobilitätsmassen erstickt wird, denen ich selbst jahrelang geschickt ausgewischen bin – so glaubte ich zumindest.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre: Es reicht nicht mehr, klüger zu planen. Wenn selbst die Vorsaison unter der Woche keinen Parkplatz mehr hergibt, ist das kein individuelles Timing-Problem mehr, sondern ein strukturelles. Und dann ist es nur konsequent, wenn die Politik nicht bei Appellen an die Vernunft der Fahrer stehen bleibt, sondern Grenzen zieht – auch wenn das ausgerechnet jene trifft, die wie ich diese Straßen aus tiefer Leidenschaft befahren haben.

Udo rät Wer in dieser Saison noch unterwegs sein will, kommt um etwas mehr Planung nicht herum. Werktags vor 9 Uhr oder nach 17 Uhr sind die Hotspots noch am ehesten zu schaffen, Vorsaison (Mai, früher Juni – falls die wintergesperrten Pässe schon auf sind) und Spätsaison (Oktober) deutlich entspannter als Juli/August. Für das Grödner Joch ab September gilt: Parkplatz-Reservierung online vorab sichern, sonst bleibt nur der Umweg über Sellajoch oder Pordoi. Und ganz grundsätzlich: lieber einen der vielen unbekannteren Pässe wählen, als sich am Wochenende in die Schlange auf der Sellarunde einzureihen.

Ein offenes Ende

Es gibt sie immer noch, die stillen Bergstraßen.

Ob das Grödner Joch ab September wirklich ruhiger wird, weiß ich nicht. Ob die neuen Regeln die richtigen sind, kann ich nicht beurteilen – dafür kenne ich die Details der Umsetzung zu wenig. Was ich aber weiß: An einem stillen Mittwochnachmittag an einem überfüllten Bergsee wird einem manchmal klarer, was eine Pressemitteilung aus Bozen wirklich bedeutet. Vielleicht fahre ich die großen Pässe in Zukunft noch seltener. Und vielleicht ist gerade das kein Verlust, sondern der Anfang davon, sie wieder so zu erleben, wie ich sie einmal kennengelernt habe.

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