Die große Flut – oder: Wer ist hier eigentlich ein Oldtimer?

Über Oldtimerschwemme, Youngtimer-Boom und drei Youngtimer-Schätze aus dem Baujahr 1998

Stellt euch vor: Euer VW Golf aus dem Abijahr 1996 ist jetzt offiziell ein Oldtimer. Ja, richtig gelesen. Der Golf, mit dem ihr damals bei McDonalds vorgefahren seid, bekommt demnächst ein H-Kennzeichen – wenn er noch läuft. Und davon gibt es in Deutschland gerade fast eine Million Stück. Ich gestehe: Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, musste ich zweimal hinschauen. Und dann habe ich in meine eigene Garage geblickt – und plötzlich ergab alles einen Sinn.

Die Zahlen lügen nicht – aber sie überraschen

Das Kraftfahrt-Bundesamt hat es schwarz auf weiß: Anfang 2026 waren 923.538 historische Fahrzeuge in Deutschland zugelassen. Vier Prozent mehr als im Vorjahr. Und in den letzten zehn Jahren hat sich der Bestand glatt verdoppelt. Eine Million Oldtimer – das ist mehr als die Einwohnerzahl von Frankfurt. Auf unseren Straßen.

Dazu kommen, das ist die Zahl, die wirklich den Atem verschlägt, über 4,65 Millionen Youngtimer. Also Fahrzeuge, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind. Zusammen sind das mehr als fünf Millionen historische Fahrzeuge. In Deutschland. Allein. Zum Vergleich und zur Einordnung: Zur gleichen Zeit sind in Deutschland 49,5 Millionen Pkw zugelassen. Sprich, gut 10 Prozent des Bestands an Pkw auf deutschen Straßen gilt als Young- und Oldtimer.

Das H-Kennzeichen, 1997 eingeführt, sollte ursprünglich rare Modelle als automobiles Kulturgut schützen. Die Belohnung: eine auf 191 Euro gedeckelte Kfz-Steuer und freie Fahrt in die Umweltzonen der Städte. Klingt verlockend – und war es lange auch. Doch inzwischen verzichten immer mehr Besitzer darauf. Laut ADAC liegt die H-Kennzeichen-Quote nur noch bei 54 Prozent, Tendenz fallend. Der Grund ist simpel: Viele Fahrzeuge aus den 1990ern haben bereits moderne Abgasreinigungssysteme und erfüllen regulär die Anforderungen für eine grüne Umweltplakette. Ein H-Kennzeichen bringt dann schlicht nichts mehr.

Für 1.000 Euro darfst du dir den Finger aussuchen – ich weiß aber schon…

Franks Barockengel hat ein Problem

Wer kennt das nicht: Frank, ein guter Oldtimer-Freund aus Braunschweig, steht mit leuchtenden Augen vor seinem BMW Barockengel aus den späten Fünfzigern. Jahrelang das Prunkstück jeder Ausfahrt, der Magnet auf jedem Treffen. Die Jüngeren haben ihn fotografiert – aber nicht immer gewusst, was sie da eigentlich vor der Linse hatten.

Und genau das ist das Problem. Der BMW Barockengel hat seit 2019 rund 20 Prozent seines Marktwerts verloren. Der Glas 2600 V8 sogar 21 Prozent, der Jaguar XK 140 OTS aus den 50ern knapp 24 Prozent. Die Zahlen kommen vom Marktbeobachter Classic Data aus Bochum – und sie erzählen eine Geschichte, die nichts mit Qualität zu tun hat. Sondern mit Zeit. Die Generation, die einen persönlichen Bezug zu diesen Fahrzeugen hat, wird kleiner. Und damit auch die Zahl derer, die bereit sind, für diesen Bezug zu zahlen.

Ein Engel auf Rädern.

Das klingt hart. Ist es auch. Aber es ist nicht das Ende der Geschichte – es ist der Anfang einer neuen.

Zustand, Historie und Dokumentation sind ebenso entscheidend für die Wertentwicklung wie Hersteller und Typ. Der Markt ist sehr selektiv. – Dietrich Hatlapa, HAGI (Historic Automobil Group international)

Die 90er sind das neue Goldene Zeitalter – und ich habe drei Beweise in der Garage

In meiner Garage stehen drei Fahrzeuge. Alle Baujahr 1998. Ein Mercedes-Benz SLK 230 Kompressor in Linarithblau (Farbcode 352), ein Peugeot 406 Coupé in Lugano-Grün und ein Volvo V70 Kombi in dunkelgrün. Alle drei werden in zwei Jahren dreißig Jahre alt. Für alle drei könnte ich dann ein H-Kennzeichen beantragen. Und alle drei sind, da bin ich überzeugt, echte Klassiker – auch wenn das nicht jeder sofort unterschreiben würde.

Beim SLK habe ich es eine Zeitlang halbherzig versucht: Verkaufen. Ehrlicher Zustand, keine 125.000 Kilometer gelaufen, kein Rost, keine Probleme, frischer TÜV, frischer Service. Was kam? Angebote, die ich hier nur zitiere, weil sie so schön unverschämt sind: Gebe dir tausend Euro. Tausend Euro. Für einen gepflegten SLK 230 Kompressor. Ich habe kurz überlegt. Dann habe ich den Deckel aufgemacht – das Verdeck, nicht das der Vernunft – und bin mit meiner Hündin Vroni losgefahren. Vroni ist eine spanische Podenca, und ich sage euch: Kein Tier der Welt sitzt würdevoller auf dem Beifahrersitz eines offenen Roadsters. Das Angebot habe ich nicht beantwortet – letzte Preis, ist letzter Sch…

Heute schon ein Klassiker – taxiert in diesem Zustand ab rund 8.000 Euro.

Aber schaut euch mal den Peugeot an. Das 406 Coupé ist in Deutschland praktisch von der Bildfläche verschwunden. Kaum noch einer auf der Straße. Und trotzdem – oder genau deshalb – passiert mir bei Ausfahrten immer wieder dasselbe: Ferrarifahrer, die langsam vorbeirollen und den Wagen mit Argusaugen beobachten. Kein Wunder. Der 406 Coupé und der Ferrari 550 Maranello sehen sich so ähnlich, dass man zweimal hinschauen muss. Klar: Beide stammen aus dem Haus Pininfarina, verantwortet von Chefdesigner David Arangeli unter der Aufsicht von Lorenzo Ramaciotti. Die fließende, keilförmige Silhouette galt in den 90ern als atemberaubend – und wird bis heute wegen ihrer Proportionen mit zeitgenössischen Ferrari-Modellen verglichen, darunter der Ferrari 456, ebenfalls ein Pininfarina. Wer das nicht glaubt, parkt seinen 406 Coupé einfach neben einem Ferrari. Und wartet, was passiert.

Vroni ist im SLK fast so entspannt wie im heimischen Garten.

Dabei gilt die Zeit um 1990 unter Fachleuten längst als goldene Ära des Automobilbaus. Der Rostschutz wurde damals fundamental verbessert, die Motoren langlebiger, die Technik robuster – aber noch ohne die Unmengen an Elektronik, die moderne Fahrzeuge heute so komplex und kostspielig in der Pflege macht. Gut gepflegter Audi A6 (C4), BMW 5er E39, VW Bus T4 – das sind Fahrzeuge, die bei richtiger Pflege praktisch ewig halten können.

Was 2026 offiziell zum Oldtimer wird – und was das bedeutet

Mit dem laufenden Jahr erreichen einige echte Ikonen der späten 90er das 30-Jahres-Limit: der Audi A3 (8L), der Mercedes SLK R170 – mein Blauer in zwei Jahren! – und der Porsche Boxster 986, um nur drei zu nennen. Willkommen im Club, könnte man sagen.

Wer jetzt über einen Youngtimer nachdenkt – als Fahrzeug oder als Investition – sollte ein paar Dinge im Hinterkopf behalten. Fünf Kriterien entscheiden über den langfristigen Wert mehr als alles andere: der Originalzustand (Nachrüstungen und Umbauten kosten Wert, keine Ausnahme), eine lückenlose Wartungshistorie (Scheckheft ist hier kein Klischee, sondern bares Geld), ein realistischer Kilometerstand (ein bewegt gepflegtes Fahrzeug schlägt eine staubtrockene Garagenkönigin oft), Sondermodelle oder limitierte Editionen sowie ein Zustand von mindestens Note 2. Das klingt nach viel – aber wer einmal nach diesen Kriterien gesucht hat, weiß: Es gibt sie noch, die Perlen. Man muss nur hinschauen.

Besonders im Fokus stehen gerade: BMW E30 M3, Porsche 944 Turbo, Audi RS2, Mazda RX-7 FD und Toyota Supra Mk4. Japanische Ikonen übrigens, die in Europa lange unterschätzt wurden, holen gerade massiv auf. Und der Renault Twingo eurer Mutter? Tut mir leid – auch der ist jetzt ein Sammlerstück. Die Welt ist ungerecht.

Das 406 Coupé in den Schweizer Alpen.

Ist das noch ein echter Oldtimer – oder nur ein alter Opel?

Die Frage stellt sich natürlich: Was schützt das H-Kennzeichen eigentlich noch, wenn ein Golf III als Alltagsauto durch die Umweltzone schleicht? Ich bin da, ich gebe es zu, ein bisschen altmodisch. Ein Auto, das noch täglich zum Supermarkt fährt, ist für mich ein treues Arbeitstier. Aber ein Oldtimer? Da bin ich skeptisch.

Oldtimer – das müsste eigentlich bedeuten: ein Fahrzeug, das bewusst erhalten, gepflegt und als Kulturgut begriffen wird. Nicht: ein Fahrzeug, das zufällig dreißig Jahre alt geworden ist, weil sein Besitzer nie Zeit hatte, es abzumelden.

Gleichzeitig zeigt der Markt eine kluge Selbstkorrektur. Die HAGI-Experten beobachten, dass Zustand, Historie und Dokumentation mehr entscheiden als Marke und Typ. Ein BMW Z3 M in einer seltenen Farbe erzielte kürzlich weit über dem Marktpreis – nicht wegen des Modells, sondern wegen seiner Geschichte. Der Markt ist also nicht dumm. Er ist wählerisch geworden.

Historie kann der Volvo auch – hier in Reims vor der historischen Boxengasse der ehemaligen Grand Prix-Rennstrecke.

Der Markt lebt – und die Szene wird bunter

Der Deutsche Oldtimer-Index entwickelt sich seit Jahren positiv. Übrigens: Den stärksten Wertzuwachs im DOX verzeichnet gerade der Ford Taunus 20 M mit 23,8 Prozent. Gefolgt vom Opel Rekord C 1700 mit 11,4 Prozent. Beides keine exotischen Raritäten – sondern gut erhaltene, gepflegte deutsche Alltagsklassiker, deren Zeit jetzt gekommen ist.

Und dann ist da noch der Dritte im Bunde. Der Volvo V70, der in diesem Artikel bisher kaum zu Wort gekommen ist – was ihn, ehrlich gesagt, vermutlich nicht weiter stört. Denn der Volvo ist das, was man einen stillen Helden nennt. Kein Roadster, keine Pininfarina-Silhouette, kein elektrisches Klappverdeck. Dafür: knapp 350.000 Kilometer auf der Uhr, keine Widerworte, kein Murren. Er zieht Anhänger mit Schutt, Autos oder Motorräder zu Müllkippen und Werkstätten. Er schluckt das klaglos, als wäre es sein Auftrag. Große Touren nach Schweden, zu Freunden in Österreich oder an den Molveno-See in Italien – kein Problem. Wo soll’s morgen hingehen? Der Volvo-Kombi ist schon bereit und groß genug – um darin gut zu übernachten, wenn’s mal mit der Hotelbuchung nicht geklappt hat.

Hier fühlt sich das Youngtimer-Arbeitstier fast wie zu Hause in Schweden.

Was mich daran freut: Die Szene wird größer und bunter. Wer früher allein mit seinem Barockengel auf dem Stellplatz stand und auf staunende Blicke wartete, trifft heute auf Youngtimer-Fahrer, die denselben Blick haben – nur für andere Autos. Die vierzigjährige Ingenieurin mit dem perfekt erhaltenen Peugeot 106 Rallye. Der Dreißigjährige mit dem gepflegten VW Corrado G60. Die Szene wächst – und das ist gut so.

Oldtimer ist nicht das, was das Gesetz sagt. Oldtimer ist das, was dein Herz sagt.

Und mein Herz? Das schlägt gerade für drei Fahrzeuge aus dem Baujahr 1998 – die bald dreißig werden und jeden Ausflug zur kleinen Zeitreise machen. Ob sie ein H-Kennzeichen brauchen? Nein. Ob sie Oldtimer sind? Für mich schon jetzt – ohne Frage.

📋  Fakten auf einen Blick

Zugelassene Oldtimer (2026)923.538 Fahrzeuge (+4% zum Vorjahr)
Youngtimer (20–30 Jahre)Über 4,65 Millionen Fahrzeuge
H-Kennzeichen-Quote54%, Tendenz fallend (ADAC)
Max. KfZ-Steuer mit H-Kennzeichen191 Euro jährlich
Stärkster Wertzuwachs DOXFord Taunus 20 M: +23,8% / Opel Rekord C 1700: +11,4%

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