„Bazza“ – Champion vor 50 Jahren. Und ein Loch im Helm
Vor einem halben Jahrhundert wurde Barry Sheene erstmals Motorrad-Weltmeister. Mein Porträt des Mannes, der mit einer Zigarette im Mund und einem Grinsen im Gesicht die Königsklasse auf den Kopf stellte.
Es gibt Rennfahrer, die man respektiert. Und es gibt Rennfahrer, die man nicht vergisst. Barry Sheene gehört für mich zur zweiten Kategorie — und zwar mit gehörigem Abstand zu vielen, die sonst noch schnell und erfolgreich auf zwei Rädern unterwegs waren. Zu „Bazzas“ Zeiten spielte vielleicht noch der große Giacomo Agostini in seiner Liga, später vielleicht der „Doc“ Valentino Rossi. Mehr nicht – jedenfalls für mich. Neben dem leider tödlich verunglückten Jarno Saarinen wurde Barry Sheene zu meinem Idol im Grand-Prix-Sport.

1976, also vor genau fünfzig Jahren, wurde der Londoner mit der Startnummer 7 erstmals Weltmeister in der 500-ccm-Klasse. Auf einer Suzuki RG 500, in der weiß-rot-schwarzen Lederkombi im Design seiner Maschine, mit dem obligatorischen Donald-Duck-Helm — und mit einer Lebensgeschichte, die sich kein Drehbuchautor hätte besser ausdenken können.
Der Weg nach oben
Barry Stephen Frank Sheene wurde am 11. September 1950 in der Gray’s Inn Road in London geboren. Sein Vater Frank war Ingenieur am Royal College of Surgeons, leidenschaftlicher Motorradfahrer und ehemaliger Rennfahrer — der Apfel fiel also nicht weit vom Stamm. Nach der Schule, die er mit sechzehn Jahren verließ und die er selbst mit dem Hauptfach „Absentismus“ beschrieb, arbeitete Sheene kurz als Bote. Dann kamen die Motorräder, und alles andere war zweitrangig.
Seinen ersten Rennsieg fuhr er 1968 in Brands Hatch ein. 1970 wurde er britischer 125er-Meister. 1973 wechselte er zu Suzuki und gewann auf Anhieb den Europameistertitel in der Formel 750. Die Königsklasse wartete.

Daytona 1975: Der Horror-Crash
Wer verstehen will, warum Sheene mehr war als ein schneller Motorradfahrer, muss zurückblicken nach Daytona, Florida, im März 1975. Während eines Trainings zum berühmten Daytona 200 platzte ihm bei rund 270 km/h der Hinterreifen. Was folgte, war der schnellste Motorradunfall, der bis dahin je auf Film festgehalten worden war.

Hinterher zählte Sheene im Krankenbett seine Verletzungen auf — Oberschenkelbruch, gebrochener Arm, Wirbelkompressionen, gebrochene Rippen, großflächige Schürfwunden — und schloss mit dem Satz: „Abgesehen davon fühle ich mich wie neu.“ Als ein Fernsehreporter später fragte, wie es seinen Beinen gehe, antwortete er: „Die sind großartig. Ich möchte nicht ohne sie sein.“
Sieben Wochen nach dem Unfall saß er wieder auf dem Motorrad.

Die Saison 1976: Bazza-Dominanz
Die 500-ccm-Weltmeisterschaft 1976 umfasste zehn Rennen. Sheene gewann fünf davon. Er holte die Pole Position im Qualifying und den Sieg zum Saison-Auftakt in Le Mans, dominierte in Österreich, in Assen, in Anderstorp — und sicherte sich schließlich am 25. Juli 1976 in Schweden den Titel, mit 34 Sekunden Vorsprung auf den Australier Jack Findlay. Neun der zehn WM-Besten saßen in diesem Jahr auf Suzuki. Aber Bazza saß besonders gut.

Das Motorrad, das ihn dorthin brachte, war die Suzuki RG 500 — ein Vierzylinder-Zweitakter in Quadrat-Konfiguration, den Sheene seit 1974 aktiv mitentwickelt hatte. Er debütierte die Maschine und schrieb gemeinsam mit ihr Motorsportgeschichte: 18 Grand-Prix-Siege, zwei Weltmeistertitel. Die RG 500 wurde 13 Jahre lang eingesetzt, gewann vier Fahrer- und sieben Konstrukteurstitel — und wäre ohne Sheenes technisches Gespür in dieser Form nie entstanden.
Le Mans, 1976: Eine Begegnung im Fahrerlager
Am 25. April 1976 fand auf dem Circuit Bugatti in Le Mans der Auftakt zur Motorrad-Weltmeisterschaft statt — Sheene holte Pole und Sieg, der erste Schritt zum Titelgewinn. Ich war damals als junger Motorradfan an der Sarthe dabei, irgendwie ins Fahrerlager gelangt (Zigaretten für Bazza!), ausgerüstet mit Schulenglisch und mit noch mehr Aufregung.
Sheene stand zwischen zwei Mechanikern, lehnte an der RG 500, rauchte — natürlich — und hatte offensichtlich gerade überhaupt keine Zeit. Ich fragte trotzdem, ob er mir verraten wolle, was ihn trotz seiner Verletzungen immer wieder auf die Rennmaschine treibe. Er taxierte mich nur mit seinen Augen — von oben bis unten —, zog einmal kurz an der Zigarette und sagte sinngemäß: „Weil es das Einzige ist, was ich wirklich kann. Und weil es Spaß macht. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“
Dann drehte er sich um. Das Rennen gewann er.

Der Mann hinter dem Grinsen
Es wäre zu einfach, Sheene auf den Playboy zu reduzieren. Ja, er besaß einen Rolls-Royce und einen Hubschrauber. Ja, er feierte mit James Hunt und George Harrison. Ja, er warb für Aftershave und trat als Talkshow-Gast auf. Und ja, in seinen Helm hatte er tatsächlich ein Loch gebohrt, damit er bis kurz vor dem Start noch eine rauchen konnte.

Aber hinter all dem steckte ein Fahrer von bemerkenswerter technischer Intelligenz. Er sprach drei oder vier Sprachen — nicht aus Bildungsbürger-Ehrgeiz, sondern weil er wusste, dass er besseres Material bekommt, wenn er direkt mit seinen Mechanikern reden kann. Im Fahrerlager half er gelegentlich sogar Konkurrenten dabei, ihre Motorräder zu verbessern. Respekt hatte er sich nie erkauft, sondern erarbeitet.
Und dann war da noch die Sicherheit. Sheene war einer der Ersten, der sich öffentlich gegen die Isle of Man TT aussprach — nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung: „Die TT erschreckt mich in keiner Weise. Ich sehe nur keinen Sinn darin, bei Regen gegen die Uhr um die Insel zu fahren. Das ist kein Rennen nach meinem Verständnis.“ 1976 weigerten sich Sheene und Giacomo Agostini gemeinsam, auf der Insel zu starten — es war das letzte Jahr der TT als WM-Lauf.
Sein vielleicht nachhaltigster Beitrag zur Sicherheit des Rennsports ist heute in jedem Motorradanzug zu finden: Gemeinsam mit Lino Dainese entwickelte er den ersten Rückenprotektor der Welt — inspiriert vom Panzer eines Hummers, bestehend aus beweglichen Hartschalen auf einer weichen Unterlage. Andere Fahrer fragten sich bald, welche Geheimwaffe Sheene immer wieder aufstehen ließ. Es war kein Übermensch. Es war ein Rückenprotektor.
Doppel-Weltmeister vor Triple-Champ „King“ Kenny
Sheene wurde 1977 erneut Weltmeister — sechs Siege in elf Rennen, kein Mitbewerber kam auch nur in die Nähe. Im folgenden Jahr betrat „King“ Kenny Roberts mit Yamaha die WM-Bühne. Barry und er lieferten sich epische Zweikämpfe in den WM-Läufen und um den Titel. Der US-Boy hatte in den nächsten drei Jahren in der Weltmeisterschaft die Nase vorn. Barry verlor bei Suzuki die Werksunterstützung, wechselte zu Yamaha, erhielt aber nie mehr das beste Material, um um die WM-Krone kämpfen zu können. Er zog sich 1984 aus dem Grand-Prix-Sport zurück. Er emigrierte nach Australien, um seinem arthritischen Körper das mildere Klima zu gönnen, und wurde dort Geschäftsmann, Immobilienentwickler und TV-Kommentator.

Im Jahr 2000 saß er auf einer klassischen Norton Manx wieder auf der Rennstrecke. 2002, beim Goodwood Revival, gewann er sein letztes Rennen — nach einem harten Duell mit dem australischen Ex-Weltmeister Wayne Gardner — mit demselben schiefen Grinsen im Gesicht wie zwanzig Jahre zuvor.
Im Juli 2002 wurde bei Sheene Speiseröhren- und Magenkrebs diagnostiziert. Am 10. März 2003 starb er in Queensland, Australien — 52 Jahre alt.
Fifty years on
Fünfzig Jahre nach seinem ersten WM-Titel ist Barry „Bazza“ Sheene mehr Legende als je zuvor. Goodwood ehrt ihn und seinen WM-Erfolg 1976 in diesem Jahr bei allen drei Motorsport-Events des Earl of March — als ersten Rennfahrer überhaupt. In Brands Hatch trägt eine Kurve seinen Namen. In Australien gibt es eine jährliche Gedenkfahrt (Barry Sheene Tribute Ride) nach Phillip Island. Und in jedem Motorradanzug steckt ein kleines Stück seiner Überzeugung, dass Rennsport gefährlich genug ist — auch ohne unnötige Risiken.
Er war vielleicht nicht immer der schnellste Fahrer auf der Strecke. Aber er war die Persönlichkeit, der Charakter, an den man sich bis heute erinnert. An die Zigarette. An das Loch im Helm. An das Grinsen auf der Krankenhaustrage.
Und an den Satz: „Abgesehen davon fühle ich mich wie neu.“

Quellen: Motorsport-Magazin, BBC Sport, Motor Sport Magazine, Motorcycle News, Wikipedia, Dainese/Demone Rosso, Irish Times, Goodwood
