In Annecy schlägt Schwäbisch die Umweltzone
Es kommt wie so oft – unverhofft. Wir cruisen mit einer Handvoll Sportwagen gemütlich durch das französische Jura, die Cabrios fahren „oben ohne“, in den Coupés versinken die Seitenscheiben und die Motoren schnurren zufrieden — und dann tauchen rechts und links der Durchgangstraße plötzlich diese weißen Schilder mit rotem Kreis und der Aufschrift ZONE auf: Crit‘Air Zone. Bevor man „Vignette“ auch nur buchstabieren kann, stecken einige von uns schon mittendrin in einer Umweltzone – Einfahrt, wenn überhaupt nur mit zugelassenem „Pickerl“. Willkommen in Annecy: Was folgt ist ein Nachmittag mit Herzklopfen zwischen Umweltzone, Funkstille und einer unüberwindbaren Sprachbarriere, die alles rettete.
Vier Autos, eine Vignette und ein Navigationsfehler
Die Altstadt von Annecy — dieses malerische Gewirr aus Kanälen, Brücken und pastellfarbenen Häuserzeilen, das gern das „Venedig der Alpen“ genannt wird — ist seit dem 1. Januar 2025 eine feste Umweltzone, eine sogenannte ZFE-m. Wer hinein will, braucht die französische Crit’Air-Vignette am Wagen. Für meinen Peugeot 406 Coupé hatte ich rechtzeitig eine besorgt, sicher ist sicher. Aber nicht jeder in unserer kleinen Kolonne hatte daran gedacht — oder konnte es, dazu gleich mehr.
Also umkurvten wir die Altstadt brav auf der vierspurigen Ringstraße, wie es sich für vignettenlose Youngtimer gehört. Bis wir uns irgendwo zwischen Kreisverkehr, Baustellenschild und Tunneleinfahrt verfuhren. Doch dann waren wir mittendrin. Genau in der Zone, der wir eigentlich fernbleiben wollten.

(Foto: Chabe01, eigenes Werk, commons.wikimedia)
Blaulicht statt blauem Himmel
Wir schwenkten sofort wieder auf die erlaubte Hauptstraße ein — auf dem kürzesten Weg, versteht sich, so wie man das als rücksichtsvoller Tourist mit Anstand und schlechtem Gewissen tut. Nur war die Polizei schneller. Roland saß in seinem Porsche 993 Cabrio, Verdeck offen, Sonne im Gesicht, und keine Vignette an der Frontscheibe. Noch aus dem Funkgerät hörten wir Conny vom Beifahrersitz: „Wir sind in einer Polizeikontrolle.“ Dann: Funkstille. Die Art von Funkstille, die einem sofort das komplette Drehbuch für den Rest des Tages im Kopf abspult. Kopfkino kann schön sein, muss es aber nicht!
Funkstille vor der Grundschule
Tochter Sarah und ich zogen die vernünftigste Karte, die man in so einer Lage ziehen kann: warten. Wir parkten am Straßenrand vor einer Grundschule und ließen den Blick zwischen Rückspiegel und Funkgerät pendeln. Eine gute halbe Stunde lang. Meine Funkrufe — „Hört mich noch jemand?“ — verhallten so wirkungsvoll, als hätte ich sie direkt an den Lac d’Annecy gerichtet.
Irgendwann reicht es auch dem Geduldigsten, und wir brachen Richtung Hotel in Le Grand-Bornand auf. Unterwegs scherzten Sarah und ich schon, dass wir wohl die Letzten im Hotel sein würden. Waren wir auch. Aber — und das ist die gute Nachricht — alles war gut.
Der Wachtmeister und die schwäbische Mauer
Der Grund fürs Happy End hätte direkt aus einer Verfilmung von „Der Gendarm von Saint-Tropez“ stammen können. Der Polizist, der Roland und Conny in der Umweltzone anhielt, sprach ausschließlich Französisch. Roland und Conny — waschechte Schwaben von der Schwäbischen Alb — ausschließlich Deutsch. Der Wachtmeister merkte schnell, dass die beiden Touristen so viel von seiner Muttersprache verstanden wie eine Biene vom Melken. Nach ein paar Minuten pantomimischen Ringens winkte er entnervt ab und ließ die zwei ungeschoren aus der Umweltzone ziehen. Manchmal ist die beste Verteidigung eben keine Ausrede, sondern eine Sprachbarriere, dicker als jedes Sofapolster.

(Foto mit KI bearbeitet).
Was zum Teufel ist eigentlich eine Crit’Air-Vignette?
Spätestens seit diesem Nachmittag hat unsere ganze Truppe verstanden, worum es bei der Crit’Air-Vignette wirklich geht — und weil ihr bei eurer nächsten Frankreich-Tour vermutlich vor demselben Schild stehen werdet, hier die Kurzversion. Frankreich hat seine Innenstädte mit sogenannten ZFE-m belegt, Zones à Faibles Émissions mobilité, Umweltzonen also, in denen nur Fahrzeuge mit gültiger Crit’Air-Vignette fahren dürfen. Seit dem 1. Januar 2025 gehört auch Annecy offiziell dazu, gemeinsam mit rund dreißig weiteren französischen Städten über 150.000 Einwohnern.
Die Vignette selbst kommt in sechs Farbabstufungen, von Grün für Elektroautos bis Grau für die ältesten Diesel, gestaffelt nach Fahrzeugtyp, Euro-Abgasnorm und Erstzulassung. Wer ohne die passende Plakette erwischt wird, zahlt 68 Euro Bußgeld fürs Auto, bei schwereren Fahrzeugen sogar 135 Euro.

| Mein ungefragter Rat: Bestellt eure Crit’Air-Vignette am besten schon zuhause online direkt beim französischen Umweltministerium — das kostet keine fünf Euro inklusive Versand und dauert nur ein paar Minuten. Erspart euch jede Nervenprobe am Ortsschild. |
Für uns Oldtimerfahrer wird es dabei richtig interessant: Fahrzeuge, die vor 1997 zugelassen wurden, bekommen nämlich überhaupt keine Crit’Air-Vignette mehr — sie fallen schlicht aus dem System. Ob Rolands 993 nun zu jung für die Sammlerzulassung oder zu alt für die reguläre Vignette war, haben wir im Nachhinein nie ganz geklärt. Fest steht: Wer sein Fahrzeug auf 30 Jahre und mehr bringt und beim französischen Dachverband FFVE eine „Carte grise collection“ beantragt, darf in den allermeisten ZFE-Zonen wieder ganz offiziell fahren — Vignette hin oder her. Ein Grund mehr, sein Schätzchen auch mal auf runde Geburtstage warten zu lassen.
Warum sich Annecy trotzdem lohnt
Und jetzt, nach so viel Polizei, Funkstille und Verwaltungsdeutsch — äh, Verwaltungsfranzösisch — die eigentlich wichtige Botschaft: Annecy ist jede Umweltzonen-Odyssee wert. Die Altstadt schmiegt sich an den Fluss Thiou, dessen Kanäle sich unter blumengeschmückten Brücken durch die Vieille Ville ziehen. Mittendrin thront der Palais de l’Isle, ein mittelalterliches Gebäude auf einer winzigen Flussinsel, das im Lauf der Jahrhunderte Gefängnis, Gericht und Verwaltungssitz war und heute als eines der meistfotografierten Motive Frankreichs gilt. Oben auf dem Hügel wacht das Château d’Annecy, einst Residenz der Grafen von Genf, und wer’s gotisch mag, findet in der Kathedrale Saint-Pierre aus dem 16. Jahrhundert prächtige Kirchenfenster und hohe, schlanke Türme.


Und dann ist da noch der See. Der Lac d’Annecy ist mit 14,6 Kilometern Länge der zweitgrößte See Frankreichs und gilt, dank strenger Umweltauflagen aus den 1960er-Jahren, als einer der saubersten Seen Europas. Das Wasser ist bis in mehrere Meter Tiefe glasklar, gespeist von Gebirgsbächen mit Trinkwasserqualität. Kein Wunder, dass hier gebadet, gesegelt und gepaddelt wird, was das Zeug hält. Ein über 35 Kilometer langer Radweg zieht sich am Ufer entlang, und an den Promenaden gibt’s Reblochon, Tome des Bauges und frischen Fisch aus dem See — Kanäle, Käse und Kaiserwetter, mehr braucht so ein Nachmittag eigentlich nicht.



Unser neuer Frankreich-Dreiklang: Annecy – Conny & Roland
Am Ende blieb von diesem Nachmittag vor allem die Geschichte, die für uns jetzt untrennbar mit Annecy verknüpft ist. Roland wurde noch tagelang gefragt, ob seine schwäbische Gelassenheit auch beim nächsten TÜV-Termin helfen könnte. Und Sarah und ich? Wir haben gelernt, dass eine gute halbe Stunde Warten vor einer französischen Grundschule zwar an den Nerven zehrt, aber am Ende nur eine Fußnote bleibt, wenn abends alle wohlbehalten und gut gelaunt beim Abendessen im Hotel zusammensitzen. Die Vignette besorgen wir uns beim nächsten Mal trotzdem vorher. Für den ganzen Konvoi.

(Foto: Beate Richter)
