Carlo Abarth: Willst vorne sein, musst halt schaun, dass dein Zeug schneller ist
Stellt euch mal vor: Ihr seid 57 Jahre alt, habt ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, hunderte von Rennen gewonnen – und dann kommt euch die Schnapsidee, nochmal selbst ans Steuer eines Rennwagens zu steigen. Nicht irgendein Rennwagen. Nein, ein windschnittiges Einsitzer-Geschoss, in das ihr nur reinpasst, wenn ihr vorher 30 Kilo abnehmt. Und zwar mit einer Apfel-Diät. Klingt verrückt? Willkommen in der Welt von Carlo Abarth, dem österreichisch-italienischen Tuning-Zauberer, der aus braven Fiats wütende Skorpione machte.

Ein Wiener erfindet den schnellen Italiener
Carlo Abarth wurde 1908 in Wien geboren – was schon mal erklärt, warum seine Autos später so viel Schmäh hatten. 1949, mit 41 Jahren, gründete er zusammen mit Armando Scagliarini in Bologna sein eigenes Unternehmen. Und weil Carlo im Sternzeichen Skorpion geboren wurde, prangte fortan dieses Gift spritzende Tierchen auf allen seinen Kreationen. Ein Logo, das Programm war: bissig, schnell, tödlich für die Konkurrenz.
Was Carlo von Anfang an klar war: Italien hatte mit Fiat einen Massenhersteller, der verlässliche, aber – sagen wir’s diplomatisch – nicht gerade rasante Autos baute. Der 500er, Fiats Antwort auf den VW Käfer, war das perfekte Beispiel: niedlich, praktisch, aber etwa so schnell wie eine Schnecke auf Beruhigungsmitteln. Carlo sah darin kein Problem, sondern eine Herausforderung. „Was wäre, wenn…“, dachte er sich und machte sich ans Werk.

Aus der Knutschkugel wird ein Rennerle
1957 nahm sich Abarth den gerade erschienenen Fiat 500 vor. Ein Auto, das eigentlich dafür gedacht war, italienische Familien bescheiden von A nach B zu bringen. Carlo hatte andere Pläne mit der symapthischen Knutschkugel. Er packte den kleinen Zweizylinder-Motor aus, der ursprünglich etwa so viel Leistung hatte wie ein gut trainierter Hamster im Laufrad, und fing an zu zaubern.

Das Ergebnis? 26 PS. Klingt heute nach nichts, aber für den kleinen Cinquecento war das, als würde man ihm Flügel verleihen. Plötzlich schaffte das Ding 118 km/h – Spitze, wohlgemerkt! Und dann kam der Hammer: Carlo ließ einen so getunten 500er auf der Rennstrecke in Monza antreten. Nicht für ein Rennen. Nein, für eine Dauerfahrt. 168 Stunden am Stück. Das sind sieben Tage, Leute. Eine Woche Non-Stopp im Kreis fahren.
Der kleine Fiat hielt durch wie ein Esel aus dem Aostatal und stellte dabei sechs internationale Rekorde auf. Zweifellos war das Carlos Beitrag dazu, dass der 500er zu einem der berühmtesten Autos der Welt wurde. Nicht schlecht für einen Wiener in Bologna.

Die Apfel-Diät des Wahnsinns
Jetzt wird’s richtig verrückt. Wie eingangs erwähnt, hatte Carlo mit 57 Jahren eine fixe Idee: Er wollte persönlich den 100. Rekord für seine Marke aufstellen. Das Problem? Er passte nicht mehr in das einsitzige Cockpit des Abarth 1000 Monoposto, den er selbst konstruiert hatte. Die Lösung? Eine Diät, die jeden Ernährungsberater in den Wahnsinn getrieben hätte.
Angeblich aß Carlo wochenlang nur Äpfel. Nur. Äpfel. Morgens Apfel, mittags Apfel, abends Apfel. Apfelkompott als Dessert, wenn er sich was gönnte. Das Ergebnis: 30 Kilo weniger auf der Waage, und Carlo quetschte sich im Oktober 1965 in seinen windschnittigen Prototypen.
Was dann geschah, war legendär. Carlo donnerte über die Viertelmeile und die 500-Meter-Distanz und stellte neue Rekorde in der Klasse G auf. Er schlug dabei Konkurrenz von Porsche und BMW – Marken mit deutlich mehr Budget und Ressourcen. Der Abarth 1000 Monoposto war ein umgebauter Formel-2-Renner mit optimierter Aerodynamik und einem 982-Kubik-Motor mit zwei Weber-Doppelvergasern. Aber das Wichtigste war: Carlo saß am Steuer. Mit 57. Nach einer Apfel-Diät. Wenn das nicht die Oldtimer-Version von „Rocky“ ist, weiß ich auch nicht.
Die geheime Affäre mit Alfa Romeo
Lange Zeit wusste kaum jemand davon, aber Carlo hatte auch eine heimliche Liaison mit Alfa Romeo. Die noble Mailänder Marke hatte nach zwei gewonnenen Formel-1-Weltmeisterschaften 1950 und 1951 den Motorsport verlassen. Aber so ganz loslassen konnten sie nicht. Die Idee: Auf Basis der Giulietta (interner Code: 750) einen Sportwagen entwickeln, mit dem Alfa zurück auf die Rennstrecke konnte.
Carlo, der die Alfa-Motoren schon immer wie Kunstwerke bewundert hatte, war Feuer und Flamme. Er konstruierte ein Chassis, das Designer Mario Boano – ein Meister seines Fachs – mit einer atemberaubenden Karosserie versah. Der Motor? Ein Aluminium-Vierzylinder mit 1.488 Kubikzentimetern, zwei obenliegenden Nockenwellen und zwei Zündkerzen pro Zylinder. Reine Renntechnologie, verpackt in italienischem Design.

Der 750 Competizione wurde erfolgreich getestet, die Aerodynamik war wirkungsvoll. Und dann? Dann zog Alfa die Notbremse. Die Rückkehr in den Motorsport wurde auf Eis gelegt, das Projekt gestoppt. Der 750 Competizione blieb ein Einzelstück – ein „Was-wäre-wenn“ der Automobilgeschichte, das sich deutlich von allen anderen Alfas seiner Zeit unterscheidet.
Walter Röhrls große Liebe
Die Geschichte zwischen Abarth und Lancia begann bescheiden mit ein paar Tuning-Komponenten für die Aurelia B20 Mitte der 1950er Jahre. Aber nach der Übernahme von Abarth durch Fiat wurde es ernst: Abarth wurde die offizielle Rennabteilung des gesamten Konzerns.
Das Highlight dieser Ära? Der Lancia Rally 037. Basierend auf dem Mittelmotor-Sportler Lancia Beta Montecarlo, bekam das Auto ein Design von Pininfarina verpasst, während Abarth sich um die Mechanik kümmerte. Das Ergebnis war ein Zwei-Liter-Motor mit 205 PS in der Serienversion – in der Rennversion deutlich mehr.




Die Premiere erlebte der 037 bei der Rallye Costa Smeralda im April 1982. Ein Jahr später startete Lancia offiziell in der Weltmeisterschaft, und die Saison 1983 begann mit einem Paukenschlag: Walter Röhrl gewann die Rallye Monte Carlo. Der zweifache Rallye-Weltmeister aus Regensburg sagt bis heute, der 037 sei sein Lieblingsauto. Lancia gewann in jenem Jahr die Marken-Weltmeisterschaft, die Europameisterschaft und das nationale Rallyechampionat. Nicht schlecht für einen Mittelmotor-Renner mit „nur“ zwei Litern Hubraum.
„Willst vorne sein, musst halt schaun…“
1971 verkaufte Carlo Abarth sein Unternehmen an Fiat. Aber seine Philosophie lebte weiter – und lebt bis heute. Umberto de Florian, Berg-Europameister und Weggefährte Carlos aus San Candido im Pustertal, brachte es auf den Punkt: „Willst vorne sein, musst halt schaun, dass dein Zeug schneller ist.“



Und den schnellen Umberto lernte ich persönlich vor neun Jahren auf einer Tour durch die Dolomiten kennen und schätzen. Mein Lancia Fulvia lief nicht wirklich rund und der Kühlerdeckel hielt dem Druck des heißen Wassers auch nicht mehr stand. Umberto trank jeden Tag seinen Espresso in der Bar unseres Hotels. Da kommt man ins Gespräch und schließlich in seine Werkstatt. In einem kleinen Karton fand sich der „neue“ und dichte Kühlerdeckel. Einen Tag später lief der Lancia-Motor wieder wie ein Uhrwerk. „Dreh nicht mehr an den Vergaserschrauben. Die sind jetzt perfekt eingestellt“, riet Umberto mir. Vorsichtshalber markierte er alle Schrauben, die ich nicht mehr anfassen sollte, mit rotem Lack. Das waren eine ganze Menge! Das alles geschah aber nur, nachdem er meinem Freund Achim und mir seine Lebensgeschichte und sein „schnelles“ Zeug ausgiebig gezeigt hatte.



„Willst vorne sein, musst halt schaun, dass dein Zeug schneller ist.“ Einfacher als Umberto kann man es nicht ausdrücken. Keine komplizierte Marketing-Strategie, keine Design-Philosophie-Bibel. Einfach machen. Schneller machen. Besser machen. Mit den Mitteln, die man hat. Notfalls mit einer Apfel-Diät.
Carlo Abarth war kein Ingenieur, der im sterilen Labor Berechnungen anstellte. Er war ein Tüftler, ein Macher, ein Mann, der mit 57 noch selbst ins Cockpit stieg, um seinen 100. Rekord aufzustellen. Er verwandelte brave Familienkutschen in Rennmaschinen, träumte mit Alfa Romeo verbotene Träume und schuf mit Lancia Rallye-Legenden.
Und wenn ihr das nächste Mal einen Fiat 500 Abarth mit aufheulendem Motor vorbeifahren seht, denkt an Carlo. An den Wiener mit dem Skorpion-Logo, der Italien beibrachte, wie man aus Knutschkugeln Rennmaschinen macht.

Fun Fact: Das Skorpion-Logo von Abarth wurde erst nach Carlos Tod im Jahr 2007 zum offiziellen Markenzeichen von Fiat erhoben – ein spätes, aber verdientes Denkmal für den Tuning-Pionier.
