Oldtimertreff Grenzlandring: So nah und doch so weit – Geschichte ist näher als gedacht
Kennt ihr das? Ein Ortsname spukt einem seit Jahrzehnten im Kopf herum, man weiß genau, was sich dahinter verbirgt – und trotzdem war man nie da. Bei mir hieß dieser Name Wegberg, genauer: Grenzlandring. Ehemalige Rennstrecke, Tragödie, Motorsport-Geschichte vom Feinsten. Alles bekannt, nichts erlebt. So nah und doch so weit. Bis zu jenem Sonntag im Mai.
Der 3. Mai 2026 war einer dieser wunderbaren Frühlingstage, an denen die Sonne es wirklich ernst meint. Und mein Opel Monza, Baujahr 1982, weiß lackiert, innen blaues Velour, unter der Haube drei Liter Hubraum und 180 PS, quengelte seit Tagen nach Auslauf. Zeit, das Kapitel Wegberg beim Oldtimertreff Grenzlandring endlich aufzuschlagen.

Ankunft auf dem Rathausplatz
Was soll ich sagen: wunderbares Ambiente, tolle Autos, freundliche Besucher – und spätestens um 14 Uhr so voll, dass man sich an so manchen Festival-Einlass erinnert fühlt. Der Rathausplatz im Herzen Wegbergs füllt sich an solchen Sonntagen mit einer historischen Blechlawine aus allen Jahrzehnten, während im Hintergrund das alte Kloster und die Kirche St. Peter und Paul für die passende Kulisse sorgen. Nicht nur die Autos sind hier sehenswert, auch die historischen Gemäuer laden zum Verweilen ein.




Und dann ist da noch der Kuchen. Für den guten Zweck der Aktion „Wegberg hilft“ wird selbstgebacken, was das Zeug hält – ich habe aus rein journalistischer Gründlichkeit gleich mehrere Stücke probiert. Den passenden Kaffee dazu gibt’s im Bistro nebenan. Kaffee, Kuchen und Karosserien in Hülle und Fülle – so kann ein Sonntagmittag beginnen.
Ein Blick zurück – der Grenzlandring
So locker die Stimmung heute ist, so brachial war die Geschichte, die diesem Ort seinen Namen gegeben hat. Der Grenzlandring war einst die schnellste Rennstrecke Europas, wenn man den damaligen Medien glauben darf, sogar der Welt. „Der Avus des Westens“ nannte man ihn, und er sorgte immer wieder für Geschwindigkeitsrekorde, die heute mühelos zum Alltag gehören, damals aber eine Sensation waren.



Vor über 70 Jahren kämpften tapfere Männer auf ihren Motorrädern und in ihren Rennwagen der Marken BMW, NSU, Veritas und anderen auf abenteuerliche, kräftezehrende Weise im Rausch der Geschwindigkeit um den Sieg. Auf dem Oval um Wegberg gaben sie alles und riskierten alles, angefeuert von hunderttausenden Zuschauern, die dieses motorsportliche Highlight nicht verpassen wollten. 1952 kam dann die Tragödie und mit ihr das Ende der Grenzlandring-Rennen. Einer der schwersten Unfälle der Motorsport-Geschichte beendete binnen Sekunden das Leben mehrerer Menschen. Viele Zuschauer trugen teils schlimme Verletzungen davon – Bilder, die so mancher Zeitzeuge bis heute nicht vergessen hat. Heute ist der Grenzlandring eine „einfache“ Landstraße mit Tempo 50 und 70, eingeführt im Zuge der Sicherheit. Wo einst Rekorde krachten, blinkt heute höchstens ein Tempolimit-Schild. Der damalige Ruhm ist längst Geschichte und fast vergessen.
So locker kann Oldtimerei sein
Genau dieser Kontrast hat mich an diesem Treffen am meisten beeindruckt: die schöne, entspannte Atmosphäre mit dem alten Kloster und der Kirche im Hintergrund – und darunter, unsichtbar, aber spürbar, diese hochoktanige Historie. Beim „Benzingespräch“ und dem Bestaunen der automobilen Schätze gibt es an diesem Platz etwas für Augen und Ohren gleichermaßen. Live-Musik im Biergarten des direkt am Platz gelegenen Bistros „Japi’s“ rundet das Ganze ab.

Die gesamte Veranstaltung wird ehrenamtlich organisiert, ist kostenlos, unverbindlich und ganz ohne Anmeldung. Einfach vorbeikommen, schauen, fachsimpeln – mehr braucht es nicht. Genau das ist für mich Oldtimerei, wie sie sein sollte: offen für jeden, egal ob groß oder klein, altes Blech oder junger Youngtimer.
Praktische Infos für euren Besuch
Von April bis Oktober findet jeden ersten Sonntag im Monat ab 13 Uhr ein Oldtimertreffen auf dem Rathausplatz in Wegberg statt. Der nächste Termin: der 2. August 2026, also schon kommenden Sonntag. Freier Eintritt, keine Anmeldung – einfach hinfahren.
Mehr Informationen zum Oldtimertreff Grenzlandring findet ihr hier: https://www.oldtimertreff-wegberg.de/
Wer es noch etwas stimmungsvoller mag: Einmal im Jahr gibt es zusätzlich das Moonlight-Oldtimertreffen am Abend, mit Live-Band und stimmungsvoller Dämmerung über dem Platz. 2026 fand es bereits im Juni statt – eine Veranstaltung, die ich mir für nächstes Jahr gerne vormerke.





Aus einem Namen wird ein Ort
Als ich am späten Nachmittag wieder in den Monza stieg, war aus einem Namen, der Jahrzehnte lang nur Geschichte war, endlich ein Ort geworden, den ich kenne – und an den ich zurückkehren will. Wenn ihr das nächste Mal am ersten Sonntag im Monat nichts vorhabt: Wegberg lohnt sich. Nicht wegen der Rekorde von damals, sondern wegen des Kaffees, der Gespräche und der Gemeinschaft von heute.







