Widerstand zwecklos – oder: Wie ein Dürwisser die Trecker-Geschichte rettet
Kennt ihr das? Man fragt jemanden nach seinem Hobby, und plötzlich steht man zwei Stunden später im Halbdunkel einer Scheune, riecht Diesel und altes Öl – und will partout nicht mehr gehen. So erging es mir bei Christian Esser aus Dürwiß. Eigentlich wollte ich kurz vorbeischauen. Eigentlich.
Der Mann, der Nein sagt – zu allem, was nach 1965 gebaut wurde
Ihr kennt das Klischee: Der Oldtimer-Fan schwärmt vom Klang eines V8, poliert wochenlang seinen Lack und stellt das gute Stück dann in die Garage – das Schild ‚Bitte nicht berühren‘ hängt unübersehbar am Innenspiegel. Christian Esser ist das genaue Gegenteil. Der 76-jährige Landwirt aus Dürwiß lässt seine Schätze arbeiten – auf dem Acker, im Schnee, beim Rosenmontagszug. Wer bei ihm nach glänzenden Schaustücken sucht, ist falsch.



Was Christian sammelt, ist eine Nische innerhalb der Nische: keine klassischen Lanz-Bulldogs aus der großen Heldensaga, keine modernen John-Deere-Riesen. Sein Herz schlägt für die Übergangszeit zwischen beiden – die Traktoren der frühen 1960er Jahre, als in Mannheim gerade entschieden wurde, wer die Zukunft der deutschen Landmaschinen schreiben würde. Spoiler: Es wurde Amerika. Aber dazu gleich.
Wie der Riese aus Mannheim amerikanisch wurde – und warum die Arbeiter streikten
Um zu verstehen, warum Christians Leidenschaft so besonders ist, muss man kurz in die Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit eintauchen. Keine Angst, ich halte es kurz.
Die Maschinenfabrik Heinrich Lanz aus Mannheim war eine Legende. Der Lanz Bulldog – ein knatternder Einzylinder-Trecker mit unverwechselbarem Charakter – hatte Generationen von Bauern durch Krieg, Hunger und Wiederaufbau begleitet. Dann, im Herbst 1955, geriet das Unternehmen ins Schwanken: Der Inlandsumsatz brach im vierten Quartal um rund 30 Prozent ein, die Lager quollen über, der Aktienkurs sackte ab. Eine 100-DM-Aktie war nur noch 99,50 Mark wert.
Da klingelte das Telefon aus Amerika. John Deere bot 115 Mark pro Aktie. Die Süddeutsche Bank, die 40 Prozent der Anteile hielt, sagte – natürlich – Ja. Am 24. Oktober 1956 titelte der Spiegel nüchtern: „Lanz-Traktoren unter amerikanischer Flagge.“ In den Mannheimer Werkshallen war die Stimmung etwas weniger nüchtern.

Was dann passierte, hätte auch als Vorlage für einen Betriebsfilm taugen können: Die neuen US-Manager wollten die traditionelle Frühstückspause mit Bier und Wurstbrot abschaffen. Der Firmenkiosk sollte das Catering übernehmen – ohne Bier, versteht sich. Die „Mannemer“ Belegschaft antwortete 1960 mit einem zehntägigen Streik. Und gewann. Manche Dinge sind eben verhandelbar, Bier zum Frühstück auf einer deutschen Baustelle ist keines davon.
Für die Traktoren bedeutete die Übernahme: 1957 kam der letzte echte Bulldog (der D 4016 mit 40 PS), 1958 wich das blau-rote Lanz-Kleid dem grün-gelben John-Deere-Outfit, 1960 endete die Bulldog-Produktion in Mannheim. Was blieb, war eine kurze, seltsam schöne Zwischenzeit – Maschinen, die noch „John Deere-Lanz“ auf dem Typenschild trugen, als wollten sie gar nicht so recht entscheiden, wer sie eigentlich sind. Genau diese Traktoren hat Christian Esser ins Herz geschlossen.
Fünf Traktoren, ein Mähdrescher – und kein Staubkorn ohne Aufgabe
Als ich in seine Scheune trete und später seinen elterlichen Bauernhof besuche, sehe ich keine museale Ausstellung. Ich sehe Werkzeug. Gepflegtes, liebevoll restauriertes Werkzeug – aber Werkzeug.
Fünf Traktoren aus der Übergangszeit stehen hier, dazu ein Mähdrescher und eine ganze Kollektion Ackergeräte: Anhänger, Heuwender, Pressen, ein Zweischar-Drehpflug von John Deere-Lanz, den manche Experten jahrelang für eine Legende hielten. „Die sagten, so etwas sei nie in Mannheim gebaut worden“, erzählt Christian mit einem feinen Lächeln. Bis er sie vor das Typenschild stellte. Danach war die Diskussion beendet.





Der Stolz des Fuhrparks ist der Lanz Bulldog D 2016 – letzter Serie in der blauen Lanzlackierung, 20 PS, liegender Einzylinder-Zweitakt-Mitteldruckmotor mit Direkteinspritzung – eine Konstruktion ohne Ventile und Nockenwelle, die deshalb so unverwechselbar klingt wie nichts sonst auf diesem Planeten. Wenn dieses Ding anläuft, bebt der Boden. Wirklich. Kein Werbetrick, kein Klischee – der D 2016 teilt der Erde mit, dass er da ist.
„Auf solch einem Modell habe ich bei meinem Vater auf dem Feld das Treckerfahren gelernt“, sagt Christian. Und heute? Heute sitzt Enkelin Klara auf dem Sitz und lenkt den Bulldog durch die Heuernte, als wäre sie damit aufgewachsen. Ist sie ja, irgendwie. Die Familie Esser ackert, wie man vor 60 Jahren geackert hat – mit Maschinen, die das Wort „Nutzfahrzeug“ noch buchstäblich nehmen.
Der Typ 100 und die Geschichte einer hartnäckigen Liebe
Wer denkt, alte Traktoren zu restaurieren sei einfach, hat noch nie versucht, einen defekten Zylinderkopf aus den frühen 1960ern zu schweißen.
Christian angelte sich den John Deere-Lanz Typ 100 – Baujahr 1963, ganze 18 PS stark, 1.400 Kilogramm schwer – im Jahr 2013 mit Motorschaden. „Kriegen wir schon hin“, dachte er sich. Der Mann schraubt seit Jahrzehnten, hat Schweißgerät und Drehmomentschlüssel so selbstverständlich in der Hand wie andere Menschen eine Fernbedienung.




Doch der Zylinderkopf wollte nicht. Das Material riss immer wieder auf, konnte einfach nicht vernünftig verschweißt werden. Zwei Jahre lang versuchte er es. Zwei Jahre, in denen manch anderer den Trecker wohl zur Schrottpresse gefahren hätte. Christian Esser nicht.
2015 kam die Rettung – durch einen Hinweis aus der Traktorensammler-Szene. Ein befreundeter Enthusiast aus dem Kreis Aachen hatte von einem baugleichen „Schlachtfahrzeug“ gehört, das irgendwo in einer Scheune stand und auf sein Ende wartete. Aus zwei kranken Traktoren wurde ein gesunder – technisch aufwendig, zeitintensiv, aber für einen Mann seiner Überzeugung eigentlich alternativlos. Seit Juni 2015 zieht der Typ 100 wieder seine Egge übers Feld und beseitigt ganz ohne Chemie das Unkraut zwischen den Zuckerrüben. Modern und effizient? Nicht unbedingt. Funktioniert trotzdem – und bei 1.400 Kilogramm Fahrzeuggewicht kommt der Kleine auf Böden, auf denen ein moderner Supertraktor einsinken würde wie eine Sahnetorte im Dauerregen.
Karneval, Schlittenfahren und ein Pflug, den es gar nicht geben sollte
Das Schöne an Christians Sammlung ist ihre Lebendigkeit. Diese Maschinen sind kein Denkmal – sie sind Teil des Alltags der Familie Esser und der Region.
Im Winter -wenn’s dann mal schneit und friert in der Jülicher Börde- zieht der Lanz Bulldog Kinder auf Schlitten. Beim Eschweiler Rosenmontagszug sind die Traktoren als Zugmaschinen jedes Jahr unterwegs – und wer Eschweiler kennt, weiß: Dort geht ohne Karneval sowieso gar nichts. Den hübschen Planwagen kann man sogar mieten – für Vereine, Familien oder Clubs, die einmal rund um den Tagebau Inden fahren wollen und dabei verstehen möchten, wie Landwirtschaft früher klang, roch und sich anfühlte. Das ist kein Nostalgie-Kitsch. Das ist gelebte Geschichte.
Und dann ist da noch der Drehpflug. Ein Zweischar-Modell aus dem Haus John Deere-Lanz, rein mechanisch, tadellos restauriert. Fachleute bestritten jahrelang seine Existenz – bis sie vor dem Typenschild standen und schwiegen. Christian genießt solche Momente mit der stillen Freude eines Mannes, der weiß, was er hat.



Was bleibt: Ackern wie vor 60 Jahren – mit Absicht
Als Christian am Ende des Gesprächs den Bulldog anwirft und Richtung Heimat zuckelt, bleibt mir ein Bild: Ein Mann auf einem 60 Jahre alten Traktor, der weiß, was er tut und warum er es tut. Keine Kompromisse in Richtung Hochglanz, kein Vergolden der Vergangenheit, kein Wehklagen über den Wandel – nur Ackern.
Er bewahrt diese Maschinen nicht, indem er sie unter Planen versteckt – er bewahrt sie, indem er sie benutzt. Und indem er Enkelin Klara ans Lenkrad lässt, damit die Geschichte weitergeht.

Falls ihr also einmal in der Ecke zwischen Aachen und Jülich seid und einen alten Bulldog über die Felder tuckern seht: Winkt einfach. Das ist wahrscheinlich die Familie Esser. Und wenn ihr Glück habt, hält Christian kurz an und erzählt euch, warum dieser Traktor eigentlich gar nicht existieren dürfte.
Dann plant zwei Stunden ein. Mindestens.

