Hand aufs Herz – Fahrt ihr eure Oldtimer im Winter?
Und ewig grüßt das Murmeltier: Draußen glitzert der erste Raureif, die Sonne blinzelt durch die Wolken, und in der Garage steht der Oldie und schaut euch an wie ein Hund, der auf seinen Spaziergang wartet. Der Schlüssel liegt griffbereit. Die Vernunft sagt „Nein“. Das Herz sagt „Nur eine kleine Runde!“ Willkommen im ewigen Winter-Zwist der Oldtimer-Szene.
Zwei Lager, ein Klassiker
Die einen würden ihren Schatz niemals auf winterliche Straßen lassen. Für sie beginnt die Saison, wenn die Krokusse blühen, keinen Tag früher. Die anderen finden gerade den betagten Klassiker oder, noch besser, das Cabriolet bei kalter, klarer Luft unwiderstehlich. Mit Mütze, Schal und dem festen Glauben an die Heizung, die in manchem Klassiker eher ein freundlicher Vorschlag ist.
Tja, auch ich bin da hin- und hergerissen. Okay, wir reden über ein klassisches Erste-Welt-Problem. Und so hab ich das für mich gelöst. Die meisten Klassiker überwintern in der Halle. Mit Saisonkennzeichen von April bis Oktober kommt da überhaupt keine Diskussion auf.

Aber zwei Klassiker habe ich das ganze Jahr zugelassen: meinen Volvo 240 und den BMW M635. Den BMW habe ich in den vergangenen Jahren eigentlich gar nicht bewegt, denn der Auspuff war defekt. Jetzt hängt eine komplette Edelstahlanlage drunter, und er wird bei gutem Winterwetter in diesem Jahr auf die Straße gelassen. 286 PS wollen bewegt werden.
Im Winter drehe ich meine Runde im Oldtimer, solange kein Salz auf die Straße gestreut wurde. Das kann in heutigen Zeiten schon relativ lange sein. Und wenn die Sonne scheint und ich Zeit habe, kommt der Klassiker auch im Winter auf die Straße.
Im Alter wird man hoffentlich weise. Somit behaupte ich: Beide Lager haben recht. Entscheidend ist, wie gut man vorbereitet ist. Das betont auch die Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ), und ihre Hinweise decken sich mit allem, was wir in Schrauberwerkstätten und auf Parkplätzen von Oldtimertreffen immer wieder hören.
Erst die Pflicht, dann die Kür: Reifen, Licht und Bremsen
Bevor der Klassiker auch nur die Garagenzufahrt verlässt, lohnt ein ehrlicher Rundgang. Passen die Reifen zur Jahreszeit? Leuchten Scheinwerfer, Blinker und Rücklichter, wie sie sollen? Bei wassergekühlten Fahrzeugen kommt der Frostschutz im Kühlsystem dazu. Ein geplatzter Motorblock ist die teuerste Art, ein kurzes Winterglück zu erleben. Und natürlich die Bremsanlage: Sie muss in Schuss sein, denn bei Glätte ist sie der beste Freund, den man haben kann.
Reifen, Licht, Frostschutz, Bremsen. Vier Punkte, zehn Minuten, und der Winterausflug beginnt mit einem guten Gewissen.

Der Spielverderber heißt Streusalz
Jetzt kommen wir zum Schurken der Geschichte. Feuchtes Streusalz fördert Rost, und zwar mit Hingabe. Es nistet sich in Radkästen, Schwellern, Fahrwerksteilen und Bremsen ein und arbeitet dort still und fleißig, während ihr längst wieder vor dem Kamin sitzt. Früher war das so, heute ist es nicht anders.
Die gute Nachricht: Man kann sich wehren. Zugegeben, ich gehöre nicht zu den Kollegen, die ihren Klassiker nach der Fahrt über salzbehandelte Straßen gründlich und schonend reinigen. Ich fahr halt bei Straßen-Pökelung nicht. Wer es trotzdem nicht lassen kann, tut seinem Klassiker mit der zeitnahen und gründlichen Reinigung einen großen Gefallen. Besondere Aufmerksamkeit gehört dem Unterboden und den Radkästen. Danach darf das Auto in einer trockenen, gut belüfteten Garage in Ruhe abtrocknen. Wer häufiger im Winter fährt, sollte die Salzrückstände regelmäßig entfernen. Und wer es ganz genau nehmen will, lässt den Korrosionsschutz samt Hohlraumkonservierung prüfen und bei Bedarf erneuern.
Warten auf den Regen: Detektivarbeit auf dem Asphalt
Hier wird es fast ein bisschen philosophisch. Der Winter wird im langfristigen Mittel milder, die Niederschläge in Deutschland sollen zunehmen. Ich bin da nicht wirklich sicher. Für uns Oldtimerfahrer kann das durchaus ein Segen sein, denn kräftiger, anhaltender Regen spült Salzrückstände von der Fahrbahn. Wie schnell das geht, hängt von der Regenmenge, der vorherigen Salzbelastung und den örtlichen Bedingungen ab. Eine Garantie gibt es also nicht.

Wer genau hinschaut, wird zum Hobby-Detektiv. Weiße oder hellgraue Schlieren auf trockenem Asphalt deuten auf Streusalzrückstände hin. Aber Vorsicht vor dem Umkehrschluss: Fehlen die Schlieren, ist die Straße deshalb noch lange nicht salzfrei. Kein Sherlock Holmes der Welt kann das mit Sicherheit sagen.
Deshalb halten es viele Oldtimerfahrer so: Nach dem Streudienst warten sie ein paar Tage, bevor es wieder hinausgeht. Geduld ist eben auch eine gute Rostvorsorge.
Warum dem Klassiker eine Ausfahrt guttut
Und jetzt der Teil, den die Zögerer gern überlesen: Ein gelegentlicher Ausflug kann einem technisch einwandfreien Klassiker richtig guttun. Die GTÜ sieht das ausdrücklich so, vor allem bei längeren Fahrten, auf denen Öl und Kühlwasser endlich ihre Normaltemperatur erreichen.
Bei einer solchen Fahrt wird einiges wach: Die Bremsen werden betätigt, Lager bewegen sich, Dichtungen müssen wieder arbeiten. Das hilft gegen Standschäden. Auch die Reifen freuen sich, wenn sie nicht monatelang auf derselben Stelle stehen und platte Stellen ansetzen.
Wer sein Auto also nur aus Angst vor dem Winter einmottet, tut ihm nicht automatisch einen Gefallen. Ein Oldtimer ist vergleichbar mit einem alten Menschen: Er will bewegt werden, denn wer rastet, der rostet.
Aber Vorsicht. Ich holte mal einen Ford Mustang zur winterlichen Ausfahrt aus der Garage, natürlich bei besten Witterungsbedingungen. Als alle Betriebsmittel ihre Temperatur erreichten, drückte ich das Gaspedal kurz durch. Das Pony galoppierte, und ich freute mich – jedoch nur kurz. Die amtliche Rennleitung winkte mich heraus und empfing mich mit den Worten: „Wie kann man mit einem solch schönen Auto so schnell fahren?“ So schnell war ich gar nicht, aber der Blitz traf mich in einer 70er-Zone. Wenn die Endorphine im Blut Blasen werfen, wird’s hin und wieder teuer.

Der Gesetzgeber fährt mit: Winterreifen
Jetzt wird es amtlich, und das gilt für jedes Fahrzeug, egal ob Baujahr 1962 oder 2022. Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch sowie Eis- oder Reifglätte schreibt die Straßenverkehrsordnung geeignete Winterreifen vor. Seit Oktober 2024 müssen diese grundsätzlich das Alpine-Symbol tragen, die Schneeflocke im Bergpiktogramm. Die frühere M+S-Kennzeichnung allein genügt nicht mehr.
Wer also noch Reifen aus der alten Zeit im Keller hat: besser nachsehen, bevor die Polizei es tut.
Fahren wie früher: ohne Netz und doppelten Boden
Und dann ist da noch die Sache mit dem Fahrgefühl. Die meisten Oldtimer haben keine Assistenzsysteme. Kein ABS, kein ESP, keine Traktionskontrolle. Auch Fahrwerk, Bremsanlage und Beleuchtung sind oft nicht auf dem heutigen Stand der Technik. Das macht den Charme dieser Autos aus, verlangt aber im Schnee Respekt.
Das Zauberwort heißt vorausschauendes Fahren: früh bremsen, sanft lenken, großzügig Abstand halten. Euer Klassiker verzeiht viel, aber er rettet euch nicht mit einem Elektronikeingriff aus einer Schrecksekunde. Das müsst ihr schon selbst erledigen, mit Gefühl und Verstand.

Ehrlich gesagt: Manche sind zu schade für den Winter
Eines sollte auch klar sein, und das sage ich als jemand, der selbst schon vor der Garage gestanden und gezweifelt hat: Klassiker in sehr gutem Zustand sind für Wintereinsätze zu schade. Es ist keine Schande, einen Schatz im Trockenen zu lassen und sich auf den ersten Frühlingstag zu freuen. Dann klingt der Motor besonders schön, und die Vorfreude gibt es gratis dazu.
Für alle anderen gilt: Mit guter Vorbereitung, einem wachen Blick auf die Fahrbahn und einer Portion Geduld kann ein klarer Wintertag im offenen Roadster zu den schönsten Ausfahrten des Jahres zählen.
Wie haltet ihr es? Winterschlaf in der Garage oder Raureif im Gesicht? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt.
| Mein ungefragter Rat: Vor jeder Winterfahrt Reifen, Licht, Frostschutz und Bremsen prüfen. Danach Unterboden und Radkästen reinigen und das Auto trocken und gut belüftet stehen lassen. Nach dem Streudienst lieber ein paar Tage warten. |
