50 Jahre Gurtpflicht: Als das Anschnallen zum Glaubenskrieg wurde
Erinnert ihr euch noch an März 2020? Als plötzlich die Deutschen Klopapier horteten, als wäre es das letzte Gut auf Erden? Als Nachbarn sich an der Supermarktkasse böse Blicke zuwarfen und Psychologen verzweifelt versuchten, diese kollektive Panik zu erklären? Genau so absurd – nein, noch absurder – muss es sich Ende der 70er Jahre angefühlt haben, als in Deutschland ein regelrechter Glaubenskrieg um ein simples Stück Gurtband entbrannte.
Heute, 50 Jahre nach Einführung der Gurtpflicht am 1. Januar 1976, schnallen wir uns an, ohne darüber nachzudenken. Der Griff zum Gurt ist so selbstverständlich wie das Einschalten des Motors. Aber stellt euch vor: Vor einem halben Jahrhundert galt genau diese Handlung als Angriff auf die persönliche Freiheit, als staatliche Gängelung, als unzumutbare Einschränkung deutscher Autofahrer-Ehre. Klingt verrückt? War es auch. Aber es war real.
Die große Verweigerung – oder: Deutschland fährt lieber frei
1972 schnallten sich gerade mal 5 Prozent der deutschen Autofahrer freiwillig an. Fünf Prozent! Dabei hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ein Drittel aller Fahrzeuge überhaupt Gurte eingebaut – die anderen zwei Drittel fuhren noch komplett ohne diese „neumodische Technik“. Die Zahlen sind heute kaum noch zu glauben, aber sie zeigen, in welcher Welt wir damals lebten.
Und es ging nicht nur um Bequemlichkeit oder Vergesslichkeit. Nein, die Leute waren richtig *sauer* auf den Gurt. Als 1974 Psychologen eine Studie durchführen wollten, um die Gründe für die Gurtverweigerung zu erforschen, wurden sie von den Befragten regelrecht beschimpft. „Gefesselt ans Auto“ titelte Der Spiegel im Dezember 1975 – und traf damit genau das Lebensgefühl vieler Autofahrer. Der Gurt wurde als Freiheitsberaubung empfunden, als würde man die Fahrer ans Steuer ketten wie Galeerensklaven.

(Foto: Volvo via Autoren-Union Mobilität)
Dabei hatte die Bundesregierung damals wirklich alles versucht. Acht Millionen D-Mark – eine horrende Summe damals – wurden in Pro-Gurt-Kampagnen gesteckt. „Könner tragen Gurt“, „Erst gurten, dann starten“ – die Slogans prasselten auf die Bevölkerung nieder. Frank Elstner, ja genau, der später mit „Wetten, dass..?“ berühmt wurde, moderierte 1974 in der ARD eine Show mit dem vielsagenden Titel „Mit Gurt und ohne Fahne“. Selbst das half nicht viel.
Der Hintergrund war allerdings erschreckend: 1970 starben 20.000 Menschen bei Verkehrsunfällen in Deutschland. Zwanzigtausend! Das war der historische Höchststand. Zum Vergleich: 2023 waren es knapp über 2.800. Die Straßen waren damals Schlachtfelder, und trotzdem weigerten sich die meisten Fahrer beharrlich, sich anzuschnallen.
Die Schweden hatten’s erfunden – und keiner wollte es haben
Die Geschichte des Sicherheitsgurts ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Schon 1902 – ja, ihr habt richtig gelesen, 1902! – wurde beim Elektro-Rekordwagen „Baker Torpedo“ ein Gurt eingesetzt. Das Fahrzeug hatte einen tragischen Unfall, aber die angegurteten Insassen überlebten. Ein früher Beweis, dass das Ding funktioniert.
In Deutschland bot Mercedes-Benz 1957 erstmals einen Beckengurt für den 300 SL Roadster an. Kostenpunkt: 110 Mark Aufpreis. Ein Jahr später war er in allen Mercedes-Modellen als Option erhältlich. Aber die meisten Käufer verzichteten dankend – wer brauchte schon so etwas?

(Foto: Volvo via Autoren-Union Mobilität)
Die eigentliche Revolution kam aus Schweden. Am 29. August 1958 meldete der Volvo-Ingenieur Nils Ivar Bohlin das Patent für den Dreipunktgurt an – jenen Gurt, den wir heute alle kennen und der über Becken und Schulter verläuft. Bohlin, ein ehemaliger Flugzeug-Konstrukteur, hatte verstanden, dass die Belastung bei einem Aufprall auf mehrere Körperregionen verteilt werden musste. Genial einfach, genial effektiv.
Auf der IAA 1959 in Frankfurt zeigte Volvo dann, was der neue Gurt konnte: Sie ließen einen PV 544 spektakulär überschlagen – mit angegurtetem Dummy drin. Die Zuschauer waren beeindruckt, der Dummy überlebte ohne ernsthafte „Verletzungen“. Noch im selben Jahr brachte Volvo den „Buckel-Volvo“ (PV 544) und die „Amazon“ (P 120) mit serienmäßigen Dreipunktgurten auf den Markt.
Und Volvo tat etwas, das bis heute beispiellos ist: Sie gaben das Patent frei. Kostenlos. Für alle Autohersteller weltweit. Bohlin und Volvo wollten Leben retten, nicht Geld verdienen. Wenn das keine schwedische Nächstenliebe ist, dann weiß ich auch nicht.
Der steinige Weg zur Vernunft
Aber zurück nach Deutschland, wo man 1976 zwar die Gurtpflicht einführte – aber ohne Bußgeld. Das war wie eine Geschwindigkeitsbegrenzung ohne Blitzer: nett gemeint, aber wirkungslos. TV-Teams filmten an Ampeln, wie die Leute trotzdem unangeschnallt durch die Gegend kurvten. 1979, drei Jahre nach Einführung der Pflicht, waren immer noch 50 Prozent der Fahrer ohne Gurt unterwegs. Fünfzig Prozent! Die kollektive Verweigerung ging munter weiter.

(Foto: DVR via Autoren-Union Mobilität)
Warum dieser hartnäckige Widerstand? Eine Studie von 1973 brachte Überraschendes zutage: Es ging nicht nur um das Freiheitsgefühl oder um Unbequemlichkeit. Viele Menschen wollten schlicht nicht an ihre eigene Sterblichkeit erinnert werden. Der Gurt war wie ein memento mori, ein ständiger Mahner: „Hey, du könntest sterben hier drin!“ Wer will das schon jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit hören?
Dazu kam die Zeit: Ölkrise, Sonntagsfahrverbote, steigende Arbeitslosigkeit, teure Nachrüstpflichten fürs Auto. Die Leute hatten andere Sorgen. „Die Nerven liegen blank“, schrieb eine Zeitung damals. Der Gurt wurde zum Sündenbock für alles, was schiefging.
Aber es gab auch Kämpfer für die gute Sache. Max Danner, ein Pionier der Verkehrssicherheit, trommelte ab 1983 mit dem Slogan „Gurt oder Tod!“ für die Bestrafung von Gurtmuffeln. Er organisierte Crashtest-Vorführungen für Verkehrsminister Oscar Dollinger. Live, in Farbe, mit echten (Dummy-)Körpern, die bei 50 km/h durch Windschutzscheiben flogen. Die Botschaft war klar und unübersehbar.
Auf der anderen Seite stand der Verkehrsrichter Kindermann, ein prominenter Gurtgegner, der die Pflicht als Bevormundung ablehnte. Die Debatte war hitzig, persönlich, manchmal geradezu giftig. Aber am Ende setzte sich die Vernunft durch.
1984 – Das Jahr, in dem alles anders wurde
Am 1. August 1984 war dann Schluss mit lustig. Wer ohne Gurt erwischt wurde, zahlte 40 D-Mark – nach heutiger Kaufkraft etwa 80 Euro. Und was soll ich sagen? Innerhalb weniger Monate schnellte die Anschnallquote auf über 90 Prozent hoch. Neunzig Prozent! Nach Jahren des Kampfes, Millionen von Werbegeldern und unzähligen Debatten reichte ein simples Bußgeld, um das Problem zu lösen. Manchmal ist der Deutsche doch pragmatisch gesetzestreu.
Die Wirkung war dramatisch: 1985 starben „nur“ noch 8.400 Menschen im Straßenverkehr – fast eine Halbierung im Vergleich zu 1970. Natürlich spielten auch bessere Autos, bessere Straßen und andere Sicherheitsmaßnahmen eine Rolle. Aber der Gurt war der Lebensretter Nummer eins. Und ist es bis heute.
Mercedes präsentierte 1981 mit der S-Klasse den ersten Gurtstraffer – ein System, das den Gurt bei einem Aufprall blitzschnell straffzieht und den Körper noch besser schützt. 1979 wurde es zur Pflicht, dass alle Fahrzeuge auch im Fond mit Gurten ausgestattet sein mussten. Bis zum 1. Juli 2004 mussten dann auch alle Rücksitze mit Dreipunktgurten ausgerüstet sein. Die Technik entwickelte sich weiter, die Akzeptanz wuchs, das Sterben nahm ab.

(Foto: Volvo via Autoren-Union Mobilität)
Heute: Fast perfekt – aber noch nicht ganz
Heute liegt die Anschnallquote bei 98 bis 99 Prozent. Der Griff zum Gurt ist zur Intuition geworden, zur zweiten Natur. Moderne Autos piepsen penetrant, wenn man sich nicht anschnallt – und wir sind dankbar dafür, auch wenn wir es nie zugeben würden.
Aber, und das ist das große Aber: Vollkommen gelöst ist das Problem nicht. Die Rückbank bleibt eine Schwachstelle. Weil sie seltener belegt ist, wird dort auch häufiger auf den Gurt verzichtet. „Ach, ich sitze ja nur hinten, da passiert schon nichts.“ Falsch gedacht! Auch bei Tempo 50 wird ein unangeschnallter Körper zum Geschoss – für sich selbst und für alle anderen im Auto.
Die Kindersicherheit ist ein weiteres Thema. Und dann die Kurzstrecken: „Ich fahr doch nur zum Bäcker um die Ecke!“ Genau da passieren die meisten Unfälle. In Österreich war 2023 jeder dritte getötete Pkw-Insasse unangeschnallt. Jeder dritte!
Der Gurt bleibt also, trotz aller Airbags, ESP-Systeme und Notbrems-Assistenten, der wichtigste Lebensretter im Auto. 50 Jahre nach seiner Einführung als Pflicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Die einfachsten Lösungen sind oft die besten.
Was wir daraus lernen können
Wenn ich heute im Oldtimer sitze – und ja, auch die meisten unserer Klassiker haben inzwischen Gurte nachgerüstet bekommen – dann denke ich manchmal an diese verrückte Zeit zurück. An Menschen, die ernsthaft glaubten, dass ein Stück Gurtband sie in ihrer Freiheit einschränkt. An Psychologen, die beschimpft wurden, weil sie fragten, warum man sich nicht anschnallt. An 20.000 Tote pro Jahr auf deutschen Straßen.
Und dann denke ich: Manchmal braucht es Zeit, bis wir verstehen, was gut für uns ist. Manchmal müssen wir gegen unsere Instinkte handeln, gegen unsere Gewohnheiten, gegen unser Unbehagen. Der Sicherheitsgurt war so ein Moment. Ein Moment, in dem wir als Gesellschaft erwachsen werden mussten.
Heute schnallen wir uns an, ohne nachzudenken. Unsere Kinder kennen es gar nicht anders. Und das ist gut so. Wirklich gut.
Nils Bohlin starb 2002, im Alter von 82 Jahren. Volvo schätzt, dass sein Dreipunktgurt bis dahin bereits über eine Million Menschenleben gerettet hatte. Eine Million! Und heute, über 60 Jahre nach seiner Erfindung, sind es unzählige mehr.
Der Gurt ist kein Symbol der Unfreiheit. Er ist ein Symbol dafür, dass wir voneinander lernen können. Dass Sicherheit keine Einschränkung ist, sondern Freiheit ermöglicht. Die Freiheit, nach einer Fahrt wieder nach Hause zu kommen. Zu unseren Familien, zu unseren Freunden, zu unseren geliebten Oldtimern.
In diesem Sinne: Erst gurten, dann starten. Auch nach 50 Jahren gilt das noch.
Zeitstrahl: 50 Jahre Gurtgeschichte
– 1902: Erster Einsatz im „Baker Torpedo“
– 1957: Mercedes bietet Beckengurt im 300 SL
– 29.8.1958: Nils Bohlin meldet Dreipunktgurt-Patent an
– 1959: Volvo baut erste Autos mit Dreipunktgurt
– 1. Januar 1974: Einbaupflicht für Gurte in Deutschland
– 1. Januar 1976: Gurtpflicht ohne Bußgeld
– 1. August 1984: Bußgeld (40 DM) eingeführt
– 2004: Dreipunktgurte auf allen Plätzen Pflicht
Die Zahlen sprechen für sich:
– 1970: 20.000 Verkehrstote
– 1985: 8.400 Verkehrstote
– 2023: 2.800 Verkehrstote
– Anschnallquote 1972: 5%
– Anschnallquote heute: 98-99%
