Vom Röhrenradio zum Smartphone auf Rädern: 100 Jahre Autoradio
Wer schon mal versucht hat, im Auto ein vernünftiges Klangbild hinzubekommen, weiß: Die Kiste ist akustisch gesehen eine Katastrophe. Fahrer und Beifahrer sitzen beide außerhalb des Stereodreiecks, also immer verkehrt. Kunststoffe, Glas, verschiedene Metalle – alles reflektiert Schallwellen unterschiedlich. Und für ordentliche Bassschwingungen fehlt sowieso der Resonanzraum. Trotzdem haben wir es geschafft, aus diesem rollenden Akustik-Albtraum eine Konzerthalle zu machen. Wie? Mit 100 Jahren Ingenieurskunst, Erfindergeist und dem unbändigen Willen, unterwegs nicht nur Motorengeräusche hören zu müssen.

Die Geschichte des Autoradios ist die Geschichte eines unmöglichen Traums, der wahr wurde. Vom monofonen Röhrenempfänger der 1920er bis zum vernetzten Multimedia-Hub von heute hat sich das Autoradio mehr verwandelt als das Auto selbst. Vergessen sind die Zeiten, in denen die Compact Cassette uns mit Bandsalat traktierte. Heute kommt die Musik von der Festplatte, dem Streaming-Dienst oder zumindest von CD. Kinder schauen auf Monitoren an den Kopfstützen ihre Lieblingsfilme, während Papa vorne mit dem Navi diskutiert und Mama nebenbei noch die Mails checkt. Das hat mit den ersten Autoradios so viel zu tun wie ein moderner Kompaktwagen mit Fords Tin Lizzy.
Aber wie kam es dazu? Steigen wir ein zu einer Zeitreise durch 100 Jahre mobile Unterhaltung.

Die Pionierzeit: Als Radios noch handgemacht waren
Um 1922 experimentierten erste Tüftler in den USA mit Radioempfängern im Ford T-Modell. Lang- und Kurzwelle, mehr war nicht drin. Die Geräte waren handgefertigt, riesig, teuer – und vermutlich ziemlich bescheiden im Empfang. Aber hey, es war ein Anfang.
Richtig ernst wurde es 1927, als die Automobile Radio Corp. mit dem „Transitone TH1“ die Serienproduktion startete. Plötzlich war das Autoradio kein Luxusspielzeug mehr für wohlhabende Bastler, sondern ein Produkt für die Massen. Zumindest theoretisch, denn die Preise waren noch astronomisch.
Europa brauchte ein paar Jahre länger. Erst 1932 präsentierte Blaupunkt auf der Berliner Funkausstellung das erste europäische Serien-Autoradio, den „Autosuper AS5“. Der Name allein ist schon ein Gedicht. Damals klangen Produktbezeichnungen noch nach Zukunft und Abenteuer, nicht nach kryptischen Buchstaben-Zahlen-Kombinationen.

Volle Röhre voraus: Die goldenen Jahre
Die 1950er und 1960er waren die Zeit der großen Sprünge. 1952 brachte Blaupunkt den UKW-Empfang ins Auto – endlich bessere Klangqualität und mehr Sender. Ein Jahr zuvor hatte man schon Stationstasten eingeführt. Klingt banal, war aber revolutionär: Nicht mehr am Rädchen drehen und durch Rauschen surfen, sondern einfach Knopf drücken und den Lieblingssender hören. 1954 legte Blaupunkt mit dem A53KU nach und brachte den Sendersuchlauf – das Radio suchte sich automatisch die nächste empfangbare Station. Magie!
1961 kam dann der Abschied von der guten alten Röhre. Philips brachte das erste reine Transistorradio fürs Auto auf den Markt. Transistoren waren kleiner, robuster, brauchten weniger Strom und waren weniger hitzeempfindlich – ideal für den harten Alltag im Automobil. Die Röhrenradios mit ihrer Aufwärmzeit und Anfälligkeit hatten ausgedient.
Der nächste Meilenstein folgte 1969: Bosch stellte mit dem „Frankfurt Stereo“ das erste Stereo-Autoradio vor. Endlich räumlicher Klang! Gut, man saß zwar immer noch verkehrt zwischen den Lautsprechern, aber es war trotzdem ein riesiger Fortschritt gegenüber dem Mono-Sound der Vergangenheit.

Kassetten, CDs und die digitale Morgendämmerung
In den 1980ern wurde das Autoradio endgültig zum „Car Stereo“. Kassettenlaufwerke hielten Einzug, später CD-Player. Plötzlich war man nicht mehr aufs Radioprogramm angewiesen – man konnte seine eigene Musik hören! Die Compact Cassette wurde zum treuen Begleiter unzähliger Roadtrips, auch wenn sie uns gelegentlich mit Bandsalat die Laune verdarb.
Parallel dazu begann eine Entwicklung, die das Autoradio für immer verändern sollte: die Integration von Navigation und Bordcomputer-Funktionen. Anfang der 1990er kamen Systeme wie Philips CARIN oder der Becker „Traffic Star“ auf den Markt. Navigation und Radio verschmolzen zu einem Gerät. Gleichzeitig wanderten Informationen über Verbrauch, Reichweite und Service in die zentralen Displays. Das Radio wurde zur Informationszentrale.
Das MP3-Format und DAB (Digital Audio Broadcasting) läuteten ab Mitte der 1990er das digitale Zeitalter ein. Die Klangqualität machte einen Quantensprung, und plötzlich passten tausende Songs auf einen USB-Stick. Kein Wechseln von CDs mehr während der Fahrt, kein mühsames Spulen. Die digitale Signalverarbeitung katapultierte den Musikgenuss im Auto um Lichtjahre nach vorne.

Die Smartphone-Revolution: Das Auto wird smart
Die 2000er brachten Bluetooth und damit die Freisprecheinrichtung ins Auto. Telefonieren während der Fahrt wurde sicherer und komfortabler. Premiumhersteller wie BMW und Mercedes integrierten diese Funktionen früh in ihre Systeme und machten das Auto zum mobilen Büro.
Aber der eigentliche Game Changer kam etwas später: 2014 führte Apple CarPlay ein, 2015 folgte Android Auto. Plötzlich war das Auto zum „Smartphone auf Rädern“ geworden. Die gewohnte Handy-Oberfläche erschien auf dem Fahrzeugdisplay, Navigation, Musik, Telefonie und Messaging wurden nahtlos integriert. Das klassische Radio? Nur noch eine Funktion unter vielen.
MirrorLink hatte zwar schon 2011 versucht, Smartphone-Inhalte aufs Display zu spiegeln, setzte sich aber nie wirklich durch. Apple und Google machten es besser: Sie schufen Standards, die heute in praktisch jedem Neuwagen zu finden sind.
Heute: Der Software-Hub auf vier Rädern
Moderne Infotainmentsysteme sind keine Autoradios mehr im klassischen Sinne. Sie sind Software-Hubs, die Radio (UKW/DAB+), Streaming-Dienste, Navigation, Fahrzeug- und Assistenzfunktionen, Sprachsteuerung und Cloud-Dienste auf großen Touchscreens bündeln. Updates kommen „over the air“ wie beim Smartphone. App-Stores im Fahrzeug sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern Gegenwart.

Die Zahlen sprechen für sich: Über 78 Prozent der Radiohörer nutzen heute digitale Programme, ein Fünftel davon DAB+ und Webradio. In der EU müssen seit den 2020er-Jahren alle Neuwagen mit DAB+ ausgestattet sein. Das klassische UKW-Radio ist zum Auslaufmodell geworden.
Über Zusatzmonitore an den Kopfstützen schauen Kinder während der Fahrt Filme. Internetradio, Spotify, Apple Music – alles ist verfügbar, immer und überall. Die Einbindung von Smartphones über Bluetooth ist Standard, der Zugriff aufs Internet selbstverständlich. Das System ist tief mit der Fahrzeugelektronik vernetzt und steuert weit mehr als nur Unterhaltung.
Von der Tin Lizzy zum vernetzten Kompaktwagen
Die Geschichte des Autoradios ist ein faszinierender Spiegel der technologischen Entwicklung und des Medienkonsums der letzten 100 Jahre. Von den ersten handgefertigten Röhrenempfängern über UKW, Kassette und CD bis zu Streaming und Cloud-Diensten – das Autoradio hat jeden Technologiesprung mitgemacht und ist dabei selbst vom Radio zum universellen Multimedia-System geworden.

Drehknöpfe und Drucktasten? Längst Geschichte. Heute wischen und tippen wir auf Touchscreens oder geben Sprachbefehle. Das Autoradio, wie es unsere Eltern kannten, existiert nicht mehr. An seine Stelle ist etwas getreten, das sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können: ein vernetztes, lernfähiges, ständig aktualisiertes Unterhaltungs- und Informationssystem, das mehr Rechenpower hat als die Computer, die einst Menschen zum Mond brachten.
Und wer weiß, was die nächsten Jahre bringen? Holografische Displays? KI-gesteuerte Musikauswahl basierend auf Fahrstil und Stimmung? Vollständige Integration ins Smart Home? Wenn die letzten 100 Jahre uns eines gelehrt haben, dann dies: Das Autoradio hat sich immer wieder neu erfunden. Und es wird nicht damit aufhören.

Was bleibt, ist die Gewissheit: Solange Menschen Auto fahren, werden sie dabei Musik hören, Informationen abrufen und sich unterhalten lassen wollen. Die Form mag sich ändern, die Technik revolutioniert werden – aber der Wunsch nach mobiler Unterhaltung ist so alt wie das Automobil selbst. Und mindestens genauso beständig.
