Zwei 6er, zwei Knaller und ein Käfer – so entstand eine Freundschaft fürs Leben
Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr irgendwo ankommt — neues Hotel, fremde Gesichter — und trotzdem sofort wisst: Das sind meine Leute? Ich kenne es. Ich erlebe es seit gut 15 Jahren auf jeder Tour. Und manchmal, wenn alles passt, entsteht dabei etwas, das weit über ein langes Wochenende oder eine Woche gemeinsames Kurvenfressen hinausgeht.
Werner weiß, wovon ich rede. Und seine Geschichte ist eigentlich meine liebste Art, zu erklären, warum ich das hier seit so vielen Jahren mache.

Nachtexpress nach Wien — und dann rechts ab in die Steiermark
September 2016. Dachstein-Tour. Ziel: Schloss Thannegg bei Gröbming, tief in der Schladming-Dachstein-Region. Das kleinste Schlosshotel Österreichs, ein Haus, dessen Namen schon wie der Prolog eines Abenteuerromans klingt — und das völlig zurecht. Die Familie Schrempf mit Vater Ernst an der Spitze, der „Ritter zu Thannegg“ oder wie er sich selbst kokettierend bezeichnet „der Hausmeister“, bewirtschaftet hier ein über tausend Jahre altes Gemäuer, das HolidayCheck regelmäßig unter die zehn schönsten Schlosshotels Europas wählt. Gewölbe aus dem Jahr 1150, ein Rittersaal mit offenem Kamin, verwunschene Gänge — und eine Gastfreundschaft, die einen spüren lässt: Hier ist man nicht Gast, sondern Schlossgeist auf Zeit. Übrigens, hier im Schloss Thannegg fand die Gründungsversammlung der berühmten Oldtimer-Rallye „Ennstal Klassik“ statt. Da wundert sich auch der Laie nicht, dass die Oldtimer hier in der „Morgan-Street“ parken. Hausmeister Ernst driftet mit einem Plus8 der englischen Traditionsmarke auch gerne mal den Stoderzinken (Prologstrecke der Ennstal Klassik) hoch.

Während die meisten Teilnehmer gemütlich aus dem Westen und Süden der Bundesrepublik anreisten, packte Werner seine Sachen an der schleswig-holsteinischen Westküste. Husum, die graue Stadt am Meer ist seine Heimat. Für alle, die jetzt noch geographisch schummeln wollen: Das ist so ziemlich das andere Ende des deutschsprachigen Raumes. Der Mann stieg also in den Nachtzug nach Wien, rollte schlafend vom hohen Norden nach Österreich, und fuhr dann noch auf geschwungenen Landstraßen hinauf ins steirische Bergland.
Mitgebracht hatte er seinen schwarzen VW Käfer — „Herbie“, wie Werner ihn liebevoll nennt. Daheim in seiner Garage stand ein BMW 628 CSi, ein Haifischmaul, dunkel wie die Nacht. Das wusste ich.
Und jetzt kommt der Teil der Geschichte, bei dem ich zugeben muss, dass ich ein kleines bisschen geschummelt habe. Ich wusste natürlich, dass sich auch Marc aus Essen-Kettwig zu unserer Dachstein Tour angemeldet hatte — mit einem — ihr ahnt es bereits — hellblauen BMW 628 CSi. Ebenfalls ein Haifischmaul, nur in der freundlicheren Farbvariante. Dafür aber mit glänzend polierten Tiefbettfelgen.

Zwei 6er-Fahrer, oder zumindest Eigner, in einer Gruppe — das kommt nicht so häufig vor. Aber eigentlich waren wir ja schon drei. Seit fast 30 Jahren ist auch ein 635er BMW aus dem Jahr 1985 in unserer Familie. Kurz, eine Tour, drei 6er Owner, wow! Da konnte ich beim Dinner-Tischplan im Rittersaal nicht einfach die Augen verschließen, oder?
Der Tischplan als Schicksal
Schwupps — saßen Werner und Marc beim Abendessen direkt nebeneinander. Zufälle gibt’s. Und dann gibt’s Tischpläne von Leuten, die wissen, was sie vorsätzlich (!) tun.
Während des Abendessens im Rittersaal wurde es ruhiger. Messer und Gabel gaben akustisch den Takt auf den Tellern, hier und da klang das edle Glas beim Anstoßen auf einen schönen Tag. Das leise Prasseln des Kaminfeuers sorgte für eine stimmungsvolle Untermalung — bis natürlich irgendwo an der Tafel ein herzliches Lachen die romantische Atmosphäre „störte“.
Das Gespräch der beiden kam natürlich sofort, und zwar mit der Wucht von mindestens 218 PS in die Kurve: Baujahr, Geschichte, Pflege, Macken, Lieblingsrouten. Wer einmal zwei Besitzer desselben Fahrzeugmodells beim ersten Aufeinandertreffen beobachtet hat, weiß: Da braucht man keinen Moderator. Das läuft von selbst, wie ein warmgefahrener Reihensechszylinder auf der Landstraße.

Genau das ist es, was diese Touren für mich so besonders macht. Ich kann Besichtigungen organisieren, Routen planen, Hotels buchen — aber diese Momente, dieser spontane *Sympathiefunke* (ganz ohne Zündkerze!) zwischen Menschen mit denselben leidenschaftlichen Mucken, das findet sich selbst. Ich gebe nur manchmal ein wenig nach, zum Beispiel mit dem Tischplan.
Einmal dabei, schnell Wiederholungstäter
Werner hat für ein Phänomen eine Bezeichnung gefunden, die ich sofort adoptiert habe: „Wiederholungstäter“. Wer einmal auf einer Fahr-dich-glücklich-Tour war und den Virus erwischt hat, der kommt wieder. Und wieder. Und irgendwann passiert dann das Merkwürdigste: Man kommt nachmittags in Südschweden an — oder in der Toskana, oder am Attersee — und hört plötzlich: *“Oooch… duuuu auch hier?!“*
Und dann sitzt man abends wieder gemeinsam am Tisch, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Fast zehn Jahre später beschreibt Werner diese Erinnerungen noch als „in blendender Erinnerung“ — und ich glaube, er spricht für viele. Diese Gemeinschaft, die sich auf jeder Tour neu zusammenfindet und trotzdem immer irgendwie vertraut ist: Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis von Menschen, die dasselbe lieben und es auf dieselbe Art lieben wollen. Ohne Protzen, ohne Konkurrenzkampf. Einfach fahren, genießen, erzählen.

Werner nennt das die „Udo-und-Fahr-dich-glücklich-Familie“. Ich finde, er hat recht.
Vinschgau 2018 — Die Tour, die keiner vergisst
Dann kam 2018. Vinschgau-Tour. Werner und Marc hatten sich mittlerweile für eine gemeinsame Anreise verabredet — mit beiden Haifischmäulern, natürlich.
Aufbruch Samstagabend in Husum. Circa 1.300 Kilometer bis Norditalien. Werner tankte den ehemaligen bayerischen Flaggschiff-Sechszylinder voll und fuhr in die Nacht. Treffpunkt mit Marc am Sonntagvormittag: Raststätte Allgäuer Tor. Hat geklappt. Und wer je zu zweit in passenden Autos über die Alpen gerollt ist, weiß: Anfahrten können wunderschön sein.
Das Vinschgau ist ohnehin ein Tal der Superlative. Die Etsch entspringt hier, bevor sie sich auf ihrem Weg nach Süden zum zweitgrößten Fluss Italiens aufschwingt. Der Reschensee mit seinem einsamen Kirchturm aus dem versunkenen Alt-Graun ist das bekannteste Postkartenmotiv der Region. Und dann sind da noch die Pässe — meine Pässe, wenn ich ehrlich bin.
Der Umbrailpass zum Beispiel. 2.501 Meter, 33 Kehren, höchster Straßenpass der Schweiz — und trotzdem so etwas wie ein gut gehütetes Geheimnis, weil sein großer Bruder nur ein paar Kilometer entfernt die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Von Santa Maria im Val Müstair schlängelt sich die Straße durch das stille Umbrailtal hinauf, und wer sich an die engen Kehren wagt, hat plötzlich das Stilfserjoch im Blickfeld — fast greifbar nah, aber doch eine eigene Welt. Ich fahre ihn immer wieder gerne: fahrerisch abwechslungsreich, selbst in der Saison kaum Verkehr — für mich der entspannteste Aufstieg zum Stilfser Joch. Ein Pass für Kenner eben.

Und dann natürlich das Stilfserjoch selbst. 2.757 Meter, höchster Straßenpass Italiens, zweithöchste Passstraße der gesamten Alpen — und 48 Kehren an der Nordostrampe von Prad hinauf, die man einmal gefahren sein muss, bevor man über Straßen redet. Die Passlandschaft, der Blick auf den Ortler, die dünner werdende Luft kurz vor dem Scheitelpunkt: Das ist der Moment, für den man Oldtimer fährt. Die beiden Pässe zusammen ergeben eine Runde, die ich nicht müde werde zu empfehlen — rauf aus dem Val Müstair über den Umbrail hoch, und dann runter über das Stilfserjoch nach Prad, zurück durch das Vinschgau. Fertig ist der schönste Vor- oder Nachmittag des Jahres.
Als die Nerven blank lagen
Doch die Vinschgau-Tour 2018 ist in meiner persönlichen Ereignischronik als eine der irrsten und schwierigsten überhaupt verewigt — und ich habe in meiner Zeit als Tourveranstalter rund 150 Touren auf dem Buckel. Fernpass-Stau der Extraklasse — erst gegen frühen Abend im Hotel. Und dann auf der Tour: Straßensperre wegen eines schweren Motorradunfalls. Marc ist einen Augenblick abgelenkt und kracht in das Heck eines blauen VW Karmann Ghia, gesteuert von einem anderen Teilnehmer der Gruppe. Die Nerven liegen jetzt bei allen Beteiligten blank. Gott sei Dank ist niemand verletzt — und Tausendsassa Achim legt los: Mit einem Holzbalken zieht er das eingedrückte Heck des Karmann Ghia die wenigen Zentimeter zurück, damit die Riemenscheibe des VW-Motors wieder frei läuft. Wenig später rollt der Wagen aus eigener Kraft zurück zum Hotel. Improvisationstalent in Reinkultur.
Werner schildert das mit der unverblümten Ehrlichkeit eines Mannes, der dabei war: Er und Marc waren „nicht ganz unschuldig“ an dem, was geschah. Das rechne ich ihm hoch an — diese Offenheit ist selten.
Doch damit hatten wir noch nicht das Ende des BMW-6er-Dramas im Vinschgau erreicht. Zwei Tage später fuhren wir die Nordrampe des Stilfser Jochs talwärts, um im Berghotel Franzenshöhe eine entspannte Kaffeepause einzulegen und dabei Murmeltiere zu beobachten. Da fiel doch dem eh schon gebeutelten Marc in einer der zahlreichen Kehren ein Motorrad in die hintere Seitenwand seines schon lädierten BMWs. Ich dachte nur: „Nimmt das denn hier überhaupt kein Ende?“ Nein, am nächsten Tag brannte ein Karmann Ghia namens „Willem“ komplett ab – auch hier ohne ernsthaften Personenschaden. Man muss auch Glück im Unglück haben!

Und doch. Am Ende der Woche, am Sonntag, war die Stimmung bei allen Teilnehmern „nicht zuuuu schlecht“, schreibt Werner. Mit drei „u“ in „zuuuu“. Wer kennt das Gefühl: Man hat gemeinsam etwas Schwieriges erlebt, und genau dadurch ist man einander irgendwie nähergekommen. Geteiltes Desaster schweißt zusammen — das ist eine alte Oldtimerweisheit.
Wenn die Tour endet und die Freundschaft beginnt
Was dann passierte, ist eigentlich das Schönste an dieser ganzen Geschichte.
Werner und Marc besuchten sich gegenseitig. Küste und Ruhrgebiet. Ausfahrten auf eigene Faust — „auf Udos Spuren“, wie Werner schreibt. Die Tour war vorbei, die Freundschaft nicht.
Das ist der Moment, in dem ich merke, dass das, was ich damals getan habe, mehr war als Reiseveranstaltung. Wenn zwei Menschen aus Husum und Essen-Kettwig sich wegen zweier gleicher Autos auf einem tausendjährigen Schlosshof kennenlernen, dann gemeinsam durch eine der härtesten Touren meiner Karriere gehen, und danach noch jahrelang aufeinander zugehen — dann hat das nichts mehr mit mir zu tun. Das ist ihr Ding. Ich war nur der Typ mit dem Tischplan.
Was bleibt
Werner schreibt am Ende seiner Nachrichten: „Ich denke, dass es gaaanz vielen so ähnlich geht.“ Drei „a“ in „gaaanz“. Ich finde, das fasst es eigentlich perfekt zusammen.

Wenn ihr auf einer Fahr-dich-glücklich-Tour dabei wart, dann wisst ihr, was gemeint ist. Wenn nicht: Leider kann ich euch keinen Platz mehr im Rittersaal reservieren — die Touren sind Geschichte. Aber Werner und Marc beweisen: Die Freundschaften, die dabei entstanden sind, sind es nicht.
Danke, Werner — für die Erinnerungen, für die Ehrlichkeit und dafür, dass du von Husum bis in den Vinschgau gefahren bist. Mit Haifischmaul, versteht sich.
