Aktualisiert: Straßburg, Bugatti und die Sache mit der Plakette

Mein Artikel zu den Umweltzonen in Frankreich erfreut sich weiterhin ungebrochener Aufmerksamkeit. Mit dem Jahreswechsel ist es dann mal an der Zeit, die Informationen zu aktualisieren. Das Thema entwickelt sich nicht nur in Frankreich durchaus dynamisch. Hier also meine Geschichte.

Kennt ihr das Gefühl, wenn man monatelang von einem Ziel träumt – und dann steht plötzlich ein Schild im Weg? Mir passierte dies im Sommer 2023, keine 15 Kilometer vor dem Gedenkstein von Jean Bugatti in der Nähe des Straßburger Flughafens. Ich hatte alles perfekt geplant: Route gecheckt, Tank voll, Kamera geladen. Was ich nicht auf dem Zettel hatte: Die französische Crit’Air-Plakette. Oder genauer gesagt, meine fehlende Crit’Air-Plakette.

Die böse Überraschung vor den Toren der Eurométropole

Der Tag hatte so gut angefangen. Das Frühstück im charmanten Hotel L’Ami Fritz war wie immer abwechslungsreich und lecker, der Motor meines Oldies lief wie geschmiert, und die Vorfreude stieg mit jedem Kilometer. Jean Bugatti – einer der brillantesten Automobildesigner aller Zeiten und tragisch verunglückt bei einer Testfahrt 1939. Ein Gedenkstein an der Unfallstelle erinnert daran. Heute ist die ehemalige Teststraße von Bugatti ein schlecht asphaltierter Feldweg, der kurz dahinter endet. Die Startbahn des Flugplatzes Straßburg-Entzheim wurde irgendwann verlängert und zerschnitt die schnurgerade Straße nach Molsheim. Für jeden Bugatti-Enthusiasten ist es ein Pilgerort. Oft wird der Gedenkstein noch mit Blumen geschmückt. Ich wollte dort aus ganz persönlichen Gründen noch einmal hin.

Dann kam dieses unscheinbare weiße Schild: „ZFE – Umweltzone“. Und darunter in klaren Symbolen: Nur mit Crit’Air-Vignette. Ich schaute auf meine Windschutzscheibe. Leer. Natürlich leer. Mein Lancia Beta HPE ist Baujahr 1980 – für deutsche Verhältnisse ein Oldtimer, für französische Behörden offenbar ein rollender Klimakiller.

Ich parkte erstmal. Fluchen hilft ja nichts. Aber frustrierend war’s trotzdem.

Früher war im Elsass manches mit dem Oldtimer einfach einfacher…

Crit’Air – Frankreichs Antwort auf die Frage: Wie verwirren wir Touristen maximal?

Seit Anfang 2023 gelten in der gesamten Eurométropole Straßburg verschärfte Regeln. Die französische Crit’Air-Plakette ist Pflicht für alle, die in der Umweltzone fahren wollen. Und hier kommt der Haken: Fahrzeuge, die vor 1997 zugelassen wurden, bekommen grundsätzlich keine Plakette mehr. Sie gelten als „nicht klassifizierbar“ – was ein eleganter französischer Ausdruck für „ihr bleibt draußen“ ist.

Für echte Oldtimer, aber auch für jüngere Klassiker ist das ein echtes Problem. Der Jean-Bugatti-Gedenkstein liegt am Rand der Zone, aber halt in der Zone. Ohne Plakette kommt man nicht hin. Besonders bitter in einer Region, die so viel Automobilgeschichte geschrieben hat.

Ich saß also auf einem Parkplatz am Rande der Landstraße nach Entzheim, starrte auf mein Smartphone und dachte: „Das kann doch nicht das Ende der Geschichte sein.“

So siehst rund um Straßburg aus.

Der Rettungsanker: 24 Stunden, 24 Mal im Jahr

Dann kam die Erleuchtung – oder genauer gesagt, ein Anruf bei meinem französischen Freund Pierre. „Udo“, sagte er in diesem typisch entspannten Tonfall, „es gibt doch den 24-Stunden-Pass. Hast du den nicht?“ „Den was?“

Pierre lachte. „Typisch Deutsche. Immer nur auf die Verbotsschilder gucken, nie auf die Ausnahmen.“ Zehn Minuten später hatte ich verstanden: Straßburg bietet für ältere Fahrzeuge und Oldtimer einen wichtigen Rettungsanker. Mit dem „24-Stunden-Pass“ dürfen Fahrzeuge ohne Crit’Air-Plakette oder mit den schlechten Klassen 4 und 5 bis zu 24 Mal pro Jahr jeweils 24 Stunden lang in der Eurométropole Straßburg unterwegs sein.

Die Registrierung? Läuft online über das Portal derogations-zfe.strasbourg.eu. Kennzeichen eingeben, gewünschten Tag aktivieren, fertig. Klingt kompliziert, ist aber in zehn Minuten erledigt – selbst mit Schulfranzösisch und oder Google Übersetzer.

Eine Viertelstunde später saß ich wieder im Auto. Offiziell berechtigt. Der Gedenkstein lag wieder in Reichweite. Die französische Bürokratie hatte ausnahmsweise mal eine pragmatische Seite gezeigt.

Für Dauergäste: Die Langzeit-Ausnahme

Wer öfter nach Straßburg will – oder dort sogar wohnt – kann auch eine dauerhafte oder dreijährige Ausnahmegenehmigung beantragen. Das gilt besonders für Oldtimer mit offiziellem Status (vergleichbar mit dem französischen „véhicule de collection“ oder unserem H-Kennzeichen), für Sondertransporte oder Fahrzeuge mit Behindertenparkausweis.

Dafür müssen entsprechende Dokumente eingereicht werden: Fahrzeugschein, Nachweis des Oldtimerstatus, bei Bedarf der Behindertenausweis. Die Prüfung läuft ebenfalls über das Online-Portal der Eurométropole. Dauert ein bisschen länger als der 24-Stunden-Pass, ist aber für Stammgäste die bessere Lösung.

Ich persönlich finde: 24 Besuche im Jahr reichen mir völlig. Für manche Bugatti-Fanatiker mag das eine Herausforderung sein. Für normale Menschen wie mich ist das großzügig bemessen.

Frankreich zieht die Schraube weiter an

Straßburg ist leider kein Einzelfall. In ganz Frankreich nimmt die Zahl der Umweltzonen zu. Seit 1. Januar 2025 müssen alle Städte und Ballungsräume mit mehr als 150.000 Einwohnern eine dauerhafte ZFE (Zone à Faibles Émissions) einführen. Das bedeutet: Rund 30 neue Umweltzonen sind zu den bereits bestehenden hinzugekommen.

Keine Ausnahme für französische oder englische Old- und Youngtimer.

Zu den wichtigen Städten mit etablierter ZFE gehören unter anderem Paris (die Métropole du Grand Paris ist ein Biest für sich), Lyon, Grenoble, Marseille, Toulouse, Bordeaux, Montpellier, Nizza, Rouen, Reims, Aix-en-Provence und Saint-Étienne – meist einschließlich ihrer jeweiligen Metropolräume.

Darüber hinaus gibt es in zahlreichen weiteren Städten Umweltzonen, teilweise dauerhaft, teilweise als temporäre Luftqualitätszonen (ZPA/ZPAd), die nur bei erhöhter Luftbelastung aktiviert werden. Angers, Annecy, Dijon, Nancy, Nantes, Rennes, Tours – die Liste wird länger und länger.

Und für die kommenden Jahre sind in mehreren Zonen zusätzliche Verschärfungen vorgesehen. Strengere Crit’Air-Grenzen, erweiterte Gebietsgrenzen. Frankreich meint es ernst mit der Luftreinhaltung. ​In Städten wie Amiens, Avignon, Metz, Toulon oder Mulhouse ist die Einführung oder Ausweitung einer ZFE bereits beschlossen oder in Vorbereitung, aber noch nicht überall vollständig umgesetzt.

Im Oldtimer ist das Elsass einfach zauberhaft.

Mein Tipp für die nächste Tour

Was heißt das für uns Oldtimer-Fahrer? Ganz einfach: Vor jeder Ausfahrt mit dem Klassiker einen kurzen Blick in die aktuellen Informationen werfen. Die Webseiten der jeweiligen Städte, die örtlichen Tourismusportale oder spezialisierte ZFE-Routenplaner helfen dabei. Fünf Minuten Recherche ersparen euch Stunden Frust auf dem Parkplatz.

Gerade wenn ein Besuch von Straßburg, Paris oder anderen großen Metropolräumen geplant ist, lohnt sich die Vorbereitung. Die automobilhistorischen Ziele – sei es der Jean-Bugatti-Gedenkstein, das Cité de l’Automobile in Mulhouse oder die unzähligen anderen Schätze – sind es absolut wert. Man muss nur wissen, wie man hinkommt.

Am Ziel – und es hat sich gelohnt

Eine Stunde später stand ich am Gedenkstein von Jean Bugatti. Die Sonne schien auf die Felder, hinter dem Maschendrahtzaun starteten und landeten Flugzeuge, und der Motor meines Lancia knisterte beim Abkühlen zufrieden im Hintergrund. Der Umweg über französische Online-Portale war vergessen.

Ich stand da und dachte an all die genialen Autos, die dieser Mann entworfen hatte. Der Type 57 Atlantic. Der Royale. Fahrzeuge, die heute Millionen wert sind – aber damals einfach aus Leidenschaft und handwerklichem Können entstanden. Dazu all die fragwürdigen Umstände des tragischen Unfalls, der am Ende auch das Schicksal der Marke Bugatti besiegelte. Und ich dachte: Genau deshalb bin ich hier. Nicht wegen des Geldes. Wegen der Geschichte. Wegen der Verbindung zur Vergangenheit.

Manchmal muss man sich eben durch ein bisschen Bürokratie kämpfen. Aber die wirklich wichtigen Ziele erreicht man trotzdem. Und mit dem 24-Stunden-Pass hatte ich noch 23 Besuche übrig. Jean, wir sehen uns wieder.

Außerhalb der Metropolen ist es auch im Vorkriegs-Citroen so wie immer – entspannt!

Tipp für die Reiseplanung mit dem Oldtimer

Frankreich zieht seine ZFE‑Bestimmungen schrittweise weiter an, und für die kommenden Jahre sind in mehreren Zonen zusätzliche Verschärfungen vorgesehen, etwa strengere Crit’Air‑Grenzen oder Ausweitungen der Gebietsgrenzen. Deshalb sollte vor jeder Ausfahrt mit dem Klassiker ein kurzer Blick in die aktuellen Informationen der jeweiligen Stadt, der örtlichen Tourismusportale oder spezialisierter ZFE‑Routenplaner gehören – gerade wenn ein Besuch von Straßburg, Paris oder anderen großen Metropolräumen geplant ist. So bleibt der Abstecher zu automobilhistorischen Zielen wie dem Jean‑Bugatti‑Gedenkstein auch künftig möglichst stressfrei und rechtssicher.

Praktische Links:

  • 24-Stunden-Pass Straßburg: derogations-zfe.strasbourg.eu
  • Infos zu ZFE-Zonen in Frankreich: Webseiten der jeweiligen Städte und Metropolräume

Habt ihr auch schon Erfahrungen mit französischen Umweltzonen gemacht? Oder kennt ihr weitere Tricks und Tipps? Schreibt’s in die Kommentare – geteiltes Wissen erspart geteiltes Leid!

Den ursprünglichen Artikel findet ihr hier: https://fahr-dich-glücklich.de/2025/04/23/einfahrt-genehmigung-fuer-die-umweltzone-eurometropole-strassburg-beantragen/

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