Ausfahrten im Klassiker bei Affenhitze? Frag besser meine erfahrene Hündin Vroni
Die Eifel brennt, das Hohe Venn in Belgien ist ebenfalls ein Raub der Flammen. Dieser Sommer ist mehr als heiß, er ist furchtbar heiß. Bei über 35 Grad im Schatten macht mir auch eine verlockende Ausfahrt im geliebten Oldie keinen Spaß. Sauna auf vier Rädern oder sonnenverbrannte Kopfhaut im Cabrio?
Ich habe solch „brenzlige“ Tage Anfang der 2000er Jahre bei der legendären Oldtimer-Rallye „2000 Kilometer durch Deutschland“ schon einmal kennengelernt. Ein bemitleidenswerter Jaguar E-Type Roadster-Fahrer hatte schon nach dem ersten Tag einen so fürchterlichen Sonnenbrand auf Armen und Händen, dass er nur noch mit Handschuhen und Hemden mit langem Arm unterwegs war. Und bei jedem Stopp unter praller Sonne gingen in den Roadstern und Cabrios die Regenschirme als UV-Schutz hoch wie die viel zitierten Pilze. Das sind unvergessene Oldtimer-Momente.

Kurz gesagt, ich kenne ihr das Gefühl, wenn der Wetterbericht mir mit einem einzigen Wert den ganzen Tourenplan über den Haufen wirft. Eigentlich sollte der Opel Monza vergangene Woche rüber nach Linnich rollen, zum Oldtimertreffen, über das ihr ja schon bei mir lesen konntet. Doch als ich kurz vor geplanter Abfahrt auf den Balkon ging, lief ich regelrecht gegen eine Hitzewand: das Thermometer zeigte 38 Grad im Schatten – und mein Plan schmolz schneller dahin als Eis in Vronis Wassernapf.
Vroni, meine spanische Podenca-Hündin, hatte die Lage längst besser analysiert als ich. Mit ihren 14 Jahren – nach der alten Faustregel „ein Hundejahr gleich sieben Menschenjahre“ stolze 98 in unserer Zeitrechnung – weiß sie eben genau, wovon sie spricht. Geboren und aufgewachsen in Spanien, kennt sie Hitze wie kein Zweiter in unserem Haushalt. Sie lag ausgestreckt im schattigsten Winkel der Wohnung, alle viere von sich gestreckt, und blinzelte mich an, als wollte sie sagen: Ganz einfach, Chef. Ich hab das schon in Andalusien gelernt, als du noch nicht mal wusstest, wo dein Sonnenhut liegt. Schattenplätzchen suchen und nichts tun. Ich nahm mir daran ein Beispiel – der Monza blieb in der Garage, mit seinem blauen Velours-Interieur, das sich in der Sonne binnen Minuten in eine Sauna verwandelt hätte. Ich lerne halt auch von Vierbeinern.

Kaum saß ich mit einem Eiskaffee im Schatten, vibrierte das Handy. Holla, Barbara! „Wir wollten heute eigentlich mit dem MG F raus“, schrieb sie, „aber bei der Affenhitze trau ich mich nicht so richtig. Was meinst du?“
Jung heißt nicht unverwundbar
„Unser MG F ist doch vom Baujahr 2001“, schob Barbara gleich hinterher. „Kein echter Oldtimer, oder? Muss ich mir da überhaupt Sorgen machen?“ Okay, auch im österreichischen Alpenvorland glüht das Quecksilber im Thermometer.
Ich tippte zurück, so ehrlich wie möglich: Ja und nein. Ein Youngtimer, dessen Konstruktion aus den frühen Neunzigern stammt, hat tatsächlich ein deutlich moderneres Kühlsystem als die alten Schätzchen aus den Sechzigern und Siebzigern, die oft noch mit Kupferkühlern und mechanischen Lüftern durchs Leben rollen. In den 1990er waren bessere Thermostate, effizientere Wasserpumpen, Standard und boten Kühlsysteme mit deutlich mehr Reserven.

Aber – und dieses Aber schickte ich gleich hinterher – ein Grundrisiko bleibt. Alte Technik ist alte Technik, egal ob 25 oder 60 Jahre alt. Dichter Stadtverkehr und steile Bergstrecken bei mehr als 30 Grad waren damals von anderer Qualität und ganz besonders anderer Quantität!
Der Tag, an dem Marko umdrehte
Wie schnell aus Vorsicht Notwendigkeit wird, weiß ich von Marko. Sein MG B GT V8 – klein, rot, mit einem Herz aus Aluminium – hatte dieses Jahr auf dem Weg zum Monte Zoncolan im Friaul seinen Moment der Wahrheit. Der Zoncolan gilt als Königsetappe des Giro d’Italia, das italienische Pendant zum Mont Ventoux bei der Tour de France – ein Berg, der selbst den besten Radprofis das Fürchten lehrt, von einem betagten V8 aus den 1960er Jahren ganz zu schweigen. Die Auffahrt dort ist schmal, steil, ohne Gnade: Kehre um Kehre schraubt sich die Straße den Berg hinauf, während der Motor unter der Haube keine Atempause kriegt.
Irgendwo auf halber Höhe kletterte die Nadel der Temperaturanzeige über den tiefroten Bereich hinaus – und blieb dort. Doch dann tat Marko das, was in solchen Momenten die schwerste Entscheidung ist: Er brach die Tour ab, ließ den kleinen Roten bergab rollen, um den Motor zu entlasten, und kehrte über normale Straßen zurück zum Gasthof Lamprechtbauer.

Kein Drama, kein Pannendienst, kein teurer Motorschaden. Nur ein Fahrer, der wusste: Der Zoncolan ist einfach zu viel für meinen Oldtimer..
Die Routine, bevor der Zündschlüssel dreht
Bevor überhaupt ein Youngtimer oder Oldtimer bei solchen Temperaturen die Garage verlässt, gehört eine kleine Routine dazu, die ich mir schon früh bei meinen Alpentouren angewöhnt habe. Kühlmittelstand und -farbe prüfen, aber nur im kalten Zustand – Trübung oder Rostpartikel sind ein erstes Warnsignal. Kühlerlamellen von Insekten und Schmutz befreien, damit der Fahrtwind überhaupt noch durchkommt. Keilriemen auf Spannung und Risse kontrollieren, den Kühlerdeckel auf seinen Druckwert testen.
Für die Insassen gilt dasselbe wie für Vroni: Schatten ist Trumpf. Wer sein Fahrzeug in der prallen Sonne parkt, riskiert einen Innenraum, der sich mit gut einem Grad pro Minute aufheizt – da helfen nur offene Türen vor der Abfahrt, eine reflektierende Matte in der Windschutzscheibe und ausreichend Trinkwasser für alle an Bord.

Wenn die Nadel klettert
Auch mit bester Vorbereitung kann es passieren. Die Warnzeichen kennt inzwischen wohl jeder erfahrene Youngtimer- oder Oldtimerfahrer: eine steigende Temperaturanzeige, ein Lüfter, der einfach nicht mehr abschalten will, Dampf unter der Motorhaube. Zwischen 75 und 105 Grad ist alles im grünen Bereich, zwischen 105 und 115 Grad wird’s spannend und jenseits der 115 Grad oder bei roter Warnleuchte gilt nur noch eins: sofort abstellen.
Und dann kommt der Trick, den ich jedem ans Herz lege, der ihn noch nicht kennt, auch wenn er verrückt klingt: Heizung auf Maximum stellen. Bei 35 Grad Außentemperatur die Heizung aufzudrehen fühlt sich an wie eine Bestrafung – dabei leitet sie Motorwärme über den Wärmetauscher der Heizung ab und senkt die Kühlmitteltemperatur -teils um fast zehn Grad!-, während ihr die Fenster weit öffnet und die Lüftungsdüsen nach außen dreht, damit die Hitze nach draußen entweicht. Dazu Tempo raus, sanft fahren, und sobald es sicher möglich ist: rechts ranfahren.
Was ihr auf keinen Fall tun solltet, notfalls auch mit zusammengebissenen Zähnen: den Kühlerverschluss am heißen Motor öffnen. Das System steht dann unter gut 1,2 bis 1,4 bar Druck, das Kühlmittel kann über 120 Grad heiß sein – es besteht akute Verbrühungsgefahr, ganz ohne Übertreibung.

Danach zählt Geduld
Steht das Fahrzeug sicher -am besten im Schatten-, heißt es warten – mindestens dreißig Minuten, bevor überhaupt an den Kühlerdeckel gedacht wird, und dann nur vorsichtig, am besten mit einem dicken Lappen als Schutz für die Hände und bitte nicht das Gesicht über die Kühlerdeckelöffnung halten! Kühler, Schläuche und der Boden unter dem Auto verraten bei genauem Hinsehen, ob irgendwo Kühlmittel ausgetreten ist. Bleibt die Temperatur nach dem Neustart stabil, kann es vorsichtig weitergehen. Steigt sie erneut, gilt Markos Lehre vom Zoncolan: umdrehen ist keine Schande, sondern der klügere Weg, euren Klassiker vor großem Schaden zu bewahren.
Vronis Schattenplätzchen
Barbara und Christian entschieden sich am Ende genauso wie ich: Der MG F blieb, wo er war, die beiden verlegten die Ausfahrt auf den frühen Abend, wenn die Luft schon eine Idee kühler war. „Vroni hat’s offenbar kapiert, bevor wir es kapiert haben“, schrieb Barbara noch, mit einem lachenden Emoji hinterher.
Recht hat sie. Manchmal ist die klügste Tour die, die man gar nicht erst antritt – und manchmal braucht es dafür einfach 98 Hundejahre Lebenserfahrung und eine Kindheit in Andalusien.

„Klimaanlage haben wir im MG F nicht, aber ab jetzt weiß ich wenigstens, wofür die Heizung im Sommer gut sein kann. Und dass ein Hund manchmal die bessere Reisestrategie hat als erfahrene Menschen mit Kartenmaterial.“ – Barbaras Erkenntnis
| 🔧 Die Notfall-Checkliste für heiße Tage Vor der Fahrt Kühlmittel, Kühlerlamellen, Keilriemen, Kühlerdeckel checken Spannend – Temperatur 105–115°C Kühlmittelstand prüfen, Fahrt verkürzen Gefährlich – Über 115°C / rote Warnleuchte Sofort abstellen, Heizung auf Maximum, Fenster auf Am Straßenrand Kühlerdeckel niemals am heißen Motor öffnen Im Zweifel Umdrehen wie Marko am Zoncolan |
