Bauchgefühl bestätigt: Classic-Studie sieht deutschen Oldtimer-Markt im Wandel
Gute Nachrichten für Autofahrer sind eher selten. Zahlreiche Klassiker-Fans aus meinem persönlichen Umfeld haben das Gefühl, dass es mit den Oldtimern auch nicht so ist wie früher, wo bekanntlich alles besser war. Doch manchmal wird der Bauch durch den Verstand bestätigt.
So werfe ich pünktlich zum Jahresende einen detaillierten Blick in die aktuelle Classic-Studie von Wolk & Nikolic. Die sechste Auflage dieser Studie eröffnet eine durchaus ermutigende Perspektive für alle, die mit klassischen Fahrzeugen ins neue Jahr 2026 starten. Auf über 130 Seiten analysieren die Marktforscher zusammen mit VDA, VDIK und ZDK die aktuelle Lage eines Segments, das sich wandelt, aber keineswegs schrumpft. Ja, das haben wir doch schon lange gefühlt!

Die zentrale Botschaft: Der Markt bleibt in den kommenden fünf bis sieben Jahren stabil. Allerdings verändert er sich spürbar – weg von den ganz alten Semestern, hin zu bezahlbaren Volumenfahrzeugen und modernen Klassikern. Für Youngtimer-Enthusiasten sind das ausgesprochen gute Nachrichten, denn genau hier liegt die Zukunft des klassischen Fahrens.
Die gute Nachricht: Klassiker bleiben beliebt
82 Prozent der Autofahrer freuen sich, wenn sie einen Oldtimer auf der Straße sehen. Diese bemerkenswert hohe Sympathie zeigt: Classic Cars sind in der deutschen Bevölkerung weiterhin positiv besetzt. Kein Wunder, denn die rund 1,45 Millionen zugelassenen Oldtimer (Fahrzeuge ab 30 Jahren) belasten die Umwelt kaum – bei durchschnittlich nur 2.500 gefahrenen Kilometern pro Jahr machen sie gerade einmal 0,6 Prozent aller Fahrleistungen aus.

Ein Markt mit zwei Gesichtern
Der Gesamtmarktwert rund um und mit unseren klassischen Fahrzeugen wird von den Marktforschern bei über 30 Milliarden Euro taxiert. Davon entfallen etwa 4,5 Milliarden Euro auf Youngtimer-Fahrzeuge selbst und 3,5 Milliarden auf Oldtimer. Die Prognose für die kommenden fünf bis sieben Jahre: insgesamt stabil, aber mit deutlichen Verschiebungen.
Während viele ältere Fahrzeuge sukzessive an Wert verlieren, gewinnen gefragte Youngtimer und „Modern Classics“ massiv an Bedeutung. Der Marktanteil der Youngtimer stieg zwischen 2019 und 2024 von etwa 30 auf 37 Prozent – ein dynamisches Wachstum, das sich fortsetzen dürfte.
Die neue Generation fährt 90er und 2000er
Die klassische Oldtimer-Klientel bleibt zwar tendenziell älter (Durchschnittsalter über 60), doch eine jüngere Gruppe von Enthusiasten rückt nach. Ihre Favoriten sind bezahlbare, alltagstaugliche Fahrzeuge aus den 1990ern und frühen 2000ern – Autos, die man aus der eigenen Kindheit und Jugend kennt. Manches ändert sich halt doch nicht.

Die Stars bei jüngeren Fahrern:
- VW Bus/Transporter T4 als Freizeit- und Reisemobil
- VW Golf der 90er-Generationen
- Mercedes C-Klasse W202 und E-Klasse als „Alltagshelden“
- Kompakte Coupés wie Alfa Romeo GTV 916, Audi Cabrio, Mercedes SLK oder Fiat Barchetta
- Sportliche Limousinen und Coupés wie BMW 3er (E36/E46) und Mercedes C280 W202
- Moderne Klassiker um Baujahr 2005 wie der Mazda MX-5 NC
Diese und noch viele andere Modelle aus dieser Zeit sind und werden noch populär, weil sie sportliches Fahrgefühl mit 90er-Design zu moderaten Preisen verbinden. Häufig sind sie der Einstieg in die klassische Fahrkultur.
Moderne Klassiker aus dem Beginn des neuen Millenniums wie Mazda MX‑5 NC und diverse Audi- und Mercedes-Modelle erreichen den Youngtimer-Status noch und sprechen insbesondere jüngere Fahrer an, die ein vertrautes Technikniveau wünschen. Diese jüngeren Enthusiasten –unser Klassiker-Nachwuchs- erfreuen sich an Fahrzeugen, die modernes Sicherheits- und Komfortniveau mit klassischem Fahrgefühl zu moderaten Preisen verbinden. Ich sehe Redakteur Alf Cremer von der Zeitschrift „Youngtimer“ schon grinsend über die Kiesplätze der Nation wandern, auf der Pirsch nach dem nächsten Schnäppchen.
Die Herausforderungen: Teile und Know-how
Die Studie benennt jedoch klar zwei kritische Punkte: Die Teileversorgung ist teilweise extrem schlecht und könnte im schlimmsten Fall zur Stilllegung verschiedener Modelle führen. Neue Lösungen wie zum Beispiel durch mehr Kooperationen in der Ersatzteilbranche regen die Autoren der Studie an.

Gleichzeitig droht ein signifikanter Fachkräftemangel. Der Know-how-Transfer sollte neu organisiert und gesichert werden, ältere Betriebsinhaber stehen vor der Herausforderung, Unternehmensnachfolge und Wissenserhalt frühzeitig zu planen.
Keine Geizhälse: Was Halter investieren
Oldtimer-Halter geben allein rund 90 Cent pro gefahrenem Kilometer für den Fahrzeugunterhalt aus – ohne Steuern und Versicherung. Bei durchschnittlich 2.500 Kilometern im Jahr und dem Bestand von 1,45 Millionen Old- und Youngtimern summiert sich bis bereits auf über 3 Milliarden Euro, die direkt in den Aftermarket fließen.

Gute Erhaltungszustände und lückenlose Dokumentation sind dabei die zentralen Treiber für den Werterhalt und gute Preise. Für Händler und Werkstätten gewinnen digitale Sichtbarkeit, onlinebasierte Kundengewinnung und transparente Fahrzeughistorien zunehmend an Bedeutung – nicht zuletzt, weil die neue, jüngere Zielgruppe stark digital affin ist. „Heute werden Liebhaberfahrzeuge, Old- und Youngtimer oder Exoten zunehmend über Social Media verkauft“, verrät mir der Chef von Sky Automobile (www.sky-automobile.de), Sascha Kosciankowsky, der frühzeitig eine aktive Community für sein Geschäft von über 25.000 Followern allein auf Facebook aufgebaut hat.
Fundierte Basis
Die Aussagekraft der Classic-Studie 2025 basiert auf einer soliden Datenbasis: Befragt wurden über 2.000 Oldtimer- und mehr als 770 Youngtimer-Besitzer, 104 Werkstätten mit Klassiker-Expertise sowie 38 Branchenexperten. Detailangaben zu 4.185 Fahrzeugen flossen in die Analyse ein, ergänzt durch KBA-Zulassungsstatistiken.
Das neue Jahr kann kommen
Der deutsche Classic-Car-Markt wandelt sich: jünger, digitaler, fokussierter auf bezahlbare Volumenmodelle. Die Zukunft gehört den 90ern und 2000ern, ohne dass die Faszination für frühere Epochen verschwindet. Entscheidend für die weitere Entwicklung werden politische Rahmenbedingungen, Lösungen bei der Teileversorgung und der Wissenstransfer in der Branche sein. Und bei mir sind auch nach der Lektüre Bauch und Verstand im Einklang.

